Für Dialektik in Organisationsfragen

Die Krise geht bald ins 6. Jahr – Die aktuelle Ökonomische Lage

Wer erinnert sich noch? Im September 2008 brach die amerikanische Lehman Brothers-Bank zusammen, sie hatte zu viele „faule“ Kredite. Dies gilt als Auslöser einer weltweit wirkenden Krise, später wird man es vielleicht einmal beim Namen nennen: Weltwirtschaftskrise! (Fussnote: Der Begriff „Weltwirtschaftskrise“ ist historisch falsch definiert. Er ist verbunden mit der kapitalistischen Krise von 1929 ff., die einen massiven Produktionsrückgang und massenhafte Verelendung in den kapitalistischen Ländern zur Folge hatte. Gleichwohl wurde insbesondere auf dem Gebiet der Sowjetunion in diesem Zeitabschnitt ein bedeutender ökonomischer Aufschwung erreicht. Insofern war nicht die ganze „Weltökonomie“ von der Krise betroffen! Bei allen Unterschieden in der Einschätzung ist heute die Entwicklung in der Volksrepublik China deutlich anders als in den kapitalistischen Ländern, so dass auch jetzt nicht von einer vollständigen, weltweit einheitlichen Entwicklung gesprochen werden kann.) Ausgehend von diesem Datum geht die Krise bald ins 6. Jahr, ein „Ende“ im Sinne der Beseitigung der Ursachen ist nicht in Sicht.

Aber entspricht die objektive Tatsache der Krise dem Bewusstsein der Menschen, der Arbeiterklasse in Deutschland? Es wirkt nicht so. Man ist manchmal geneigt das alles zu vergessen, die Krise als scheinbar erträglichen Normalzustand hinzunehmen. Die Verhältnisse in Deutschland heben sich dabei deutlich vom überwiegenden Rest Europas ab, die Verelendung der Griechen, Spanier, Portugiesen usw. kommt in unserem Alltagsbewusstsein kaum vor. Die bürgerlichen Wirtschafts­„wissen­schaftler“ haben im Zusammenhang mit dem Euro dafür einen neuen Begriff erfunden: sie bezeichnen die stark unterschiedliche Entwicklung der Gesamtwirtschaft und der Zinsen zwischen den Euroländern als „Balkanisierung“. Die Zerschlagung Jugoslawiens – vorangetrieben durch den deutschen Imperialismus – wird also schon verglichen mit dem möglichen Zerfall des „Jahrhundertprojekts“ Euro. Es ist eine nicht ganz unpassende Wortschöpfung. Die große gemeinsame Währung, die angeblich Frieden und Wohlstand bringen sollte, wirkt immer deutlicher als deutscher Knebel gegen die unlösbar verschuldeten und zunehmend nicht nur ökonomisch abhängigen, sondern durch die Diktate auch ihre politische Unabhängigkeit verlierenden Staaten Südeuropas. Auf dem Euro-Balkan spricht man deutsch und das hiesige Kapital versucht auf Kosten der Kleineren der Krise zu entkommen. Die Lage führt in nicht wenigen Ländern zu Kämpfen und Gegenwehr. In Deutschland ist dies anders, die Arbeiterklasse hält still und so mancher hofft, dass vielleicht irgendwann Besserung eintreten möge. So fühlen wir uns in einer Luftblase mitten im Chaos rundherum und lernen mühsam, dass eine „Weltwirtschaftskrise“ sehr eigenartig verlaufen kann, so manche haben schon den Schrecken davor verloren. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit tut also Not!

Die Ursache bleibt Überproduktion

Erinnern wir uns: im Herbst 2008 herrschte zunächst eine relativ große Panik, und Maßnahmen in Form von staatlichen Haftungsübernahmen in vorher undenkbarer Dimension wurden ergriffen. Man betitelte die Krise mit vielen Namen, am Anfang vor allem mit Finanz- oder Bankenkrise. Auf keinen Fall sollte klar werden, dass es sich um eine tiefe Krise des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium handelt als Ausdruck des Grundwiderspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung des daraus hervorgehenden Reichtums in der Hand einer winzigen Minderheit. Auch viele Linke fallen auf diese Täuschungsmanöver herein, kämpfen gegen die Spekulation im „Spielcasino“. Das mag einfacher erscheinen, gelöst wird dadurch aber nichts. Denn der Kapitalismus ist in jeder Hinsicht ein System von Spekulation, egal ob das Kapital in Maschinen, Häuser, Goldklumpen oder Devisenoptionen angelegt wird. Kapitalismus ist an sich Spekulation, nicht nur sein Börsenhandel.

Dies verdeutlicht sich, wenn man zur Betrachtung der wirklichen Krisenursache zurückkehrt: der Überproduktion von Waren und damit verbunden der Überakkumulation von Kapital. Die kapitalistische Produktion und Verteilung der Waren erfolgt nicht nach den Bedürfnissen der Mehrheit der Menschen, sondern nach dem Profitinteresse der besitzenden Minderheit. Das Profitinteresse ist in dieser Gesellschaft der Maßstab für ökonomisches Handeln. Nicht wir entscheiden, was und wie produziert wird, die Regulierung der Produktion erfolgt letztlich über die zahlungskräftige Nachfrage. Die Nachfrage wäre – hier und weltweit – weit höher als das, was derzeit produziert wird, aber die Menschen können es unter diesen Bedingungen nicht bezahlen. Denn Armut und zunehmende Verelendung ist die notwendige Kehrseite des Profitinteresses der Kapitalisten. Wenn alle Anlagen zur Produktion der absatzfähigen Waren im Großen und Ganzen vorhanden sind, macht die Kapitalanlage in weiteren Fabriken wenig Sinn. Den eigenen Marktanteil auszuweiten geht nurmehr gegen die Konkurrenten: indem man sie z.B. durch Herabsetzung der Produktionskosten (= Verschärfung der Ausbeutung) und dadurch mögliche Dumpingpreise in den Ruin treibt oder „schwächelnde“ Konkurrenten schluckt. Dieser Zustand einer latenten Überproduktion herrscht von der Tendenz her seit Jahrzehnten und ist Ausdruck der allgemeinen Krise des Kapitalismus. In der aktuellen Krise findet er seine Zuspitzung.

Überproduktion – Kapitalüberschuss – Entwertung

In Verbindung mit der Überproduktion entsteht ein Kapitalüberschuss, was Karl Marx auch als Überakkumulation bezeichnet. (Fussnote: 3.Band des „Kapital“, MEW 25, Kap. 15, S. 261 ff.) Es ist mehr Kapital vorhanden, als entsprechend verwertet, also Profit bringend angelegt werden kann. Dieser Zustand ist Ausdruck der Fäulnis (Fussnote: Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, AW in 6 Bänden, Dietz Verlag Berlin 1970, Band II, S. 740 ff) dieses Systems. Angetreten mit dem Ziel möglichst viel Kapital und Macht anzuhäufen, geraten die Kapitalisten insgesamt in den Zustand, dass sie „zuviel“ Kapital besitzen, dass das in Form toter, aufgehäufter Arbeit aus den Menschen herausgepresste Kapital immer weniger neu verwertet werden kann. (Fussnote: Dies gilt für die Kapitalistenklasse insgesamt. Einzelne Kapitalisten oder Kapitalansammlungen mögen durchaus noch für sie ertragreiche Verwertungsmöglichkeiten finden, aber in der Summe geht die Profitrate zurück, es gibt zuviel Kapital, dass nicht verwertet werden kann. Könnten die Kapitalisten gemeinsam beschließen, dass alles Kapital in seinem Wert halbiert wird, so könnte diese Fäulnis abgemildert werden. Aber selbst wenn jeder von ihnen die Einsicht hätte, niemand möchte sein Kapital hergeben und so entrinnen sie der Situation nur durch weitere Zerstörung, durch chaotische, individuelle Vernichtung von Kapital, schlimmstenfalls im Krieg.) Die komplizierten Immobilienpapiere, unmittelbare Auslöser der Krise 2008, waren Ausdruck des Kapitalüberschusses. Die Kapitalisten suchten (und suchen wieder) nach immer verrückteren Möglichkeiten, ihr Kapital anzulegen, bis sie feststellten, dass die dahinter sich verbergenden Kredite nicht mehr bedient werden können. Mit der Krise wurde der Kapitalüberschuss noch extremer und das Zinsniveau ging deutlich nach unten. Die eigentliche Ursache der Krise ist also die Überproduktion und der mit ihr einhergehende Kapitalüberschuss. Überproduktion und Überakkumulation sind somit Zwillinge. Die Folge ist das, was wir in dieser Krise auch schon länger erkennen können: Die Vernichtung und Entwertung des Kapitals! Immer läuft das in scharfen Widersprüchen und Auseinandersetzungen zwischen den Monopolen bzw. ihren staatlichen Vertretern ab, wie man es zum Beispiel erkennen konnte im Ringen um den Schuldenschnitt Griechenlands. Das war konkrete Kapitalvernichtung, plötzlich waren die Schulden nur noch die Hälfte wert. Was in Griechenland als Kapital vernichtet worden ist, ist vom Gesamten her eine relativ kleine Menge. Deswegen ist neben der Kapitalvernichtung ihre Vorstufe, die Kapitalentwertung besonders zu beachten.

Wir haben also den (vermutlich nur ersten) Schuldenschnitt in Griechenland – die harte Vernichtung von Kapital – und wir haben die Entwertung, die derzeit überwiegt und im Moment besonders deutlich wird an der Höhe der Zinsen. Wir haben überall historisch niedrige Zinsen. Für eine Staatsanleihe mit 10 Jahren Laufzeit wird von Deutschland derzeit 1,66% gezahlt, die USA zahlen 1,97% und Japan 0,92%. In Japan sind diese Niedrigzinsen schon seit vielen Jahren kontinuierlich gegeben. Möglicherweise überträgt sich dies nun auf andere Teile der Welt. In jedem Falle dokumentieren solch extrem niedrige Zinsen, dass Kernfunktionen des Systems auch für die Kapitaleigentümer nicht mehr funktionieren aufgrund des Kapitalüberschuss.

Man könnte meinen, die Kapitalentwertung nimmt in gewisser Hinsicht ein bisschen Druck von den Ausgebeuteten, weil nicht soviel Zinsen erwirtschaftet werden müssen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Bourgeoisie – also das Kapital – braucht immer größere Beträge, um noch das gleiche Stück vom Kuchen zu bekommen. Es ist dies auch eine Ursache dafür, dass die Kapitalisten einen immer größeren Anteil ihres Gewinns wieder ihrem Kapital zuschlagen müssen (investieren), um ihre Position zu halten. Dabei erweitern sie lediglich ihren eigenen Kapitalstock, nicht aber ihre Marktposition. Die fallende Profitrate befördert so auch die Zen­tralisation des Kapitals und den Konkurrenzkampf. Je weniger der Kapitalist bekommt, je mehr er seine Verzinsung schwinden sieht, desto härter wird der Kampf um den Anteil an der Beute. So fördert diese ganze Entwicklung die Widersprüche zwischen den Kapitalisten und das damit verbundene Zerstörungspotential. Insbesondere im Hinblick auf die internationale Konkurrenz erfolgt die Austragung dieser Widersprüche über die Staaten und ihre Vertreter. Kanzlerin, Minister, Diplomaten, Generäle usw. sind diejenigen, die die Interessen der jeweiligen Monopole durchzusetzen haben – nach Innen gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung, nach Außen gegen die Konkurrenz ...

Die EU ist ungleich

In dieser Auseinandersetzung unterscheidet sich die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland stark von der restlichen EU. Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland befindet sich Ende 2012 sogar auf einem höheren Stand als vor Krisenbeginn. In der Gesamt-EU (oder den Euro-Ländern) ist das nicht annähernd der Fall. Gerade in den hoch verschuldeten Ländern in Südeuropa sind die Auswirkungen drastisch, ihre Gesamtwirtschaft ist zweistellig zurückgegangen. Es herrscht Depression und tiefe ökonomische Krise. Noch drastischer fällt die Beschäftigungsentwicklung auseinander. Während in Deutschland gegenüber 2008 eine Million mehr Menschen einer (zumeist schlechtbezahlten) Arbeit nachgehen, stieg die Arbeitslosigkeit in der Gesamt-EU im gleichen Zeitraum um 60%! Dabei sind die gegenteiligen Effekte in Deutschland schon eingerechnet und verharmlosen die Zahl der 10 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen in der EU seit 2008. Besonders getroffen ist die Jugend. Betrachtet man die gesamte EU, so sind von der Gruppe der Menschen unter 25 Jahren insgesamt 22% arbeitslos, in Spanien und Griechenland sind es offiziell über 50%, nur die Minderheit der jungen Arbeiter oder ausgebildeten Studenten kann sich dort also in einer Lohnarbeit verdingen.

Doch nun stockt die expansive Tendenz der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland deutlich. Im 4. Quartal 2012 war die Gesamtentwicklung erstmals wieder zählbar rückläufig. Erstmals seit langem war die Entwicklung in Deutschland und im Euroraum (den Euro-Ländern) mit minus 0,6% zum Quartal davor identisch, die deutsche Wirtschaft konnte sich nicht mehr zu Lasten der Anderen abheben. Die diktierte Verarmung großer Teile der Bevölkerung in Ländern wie Griechenland oder Portugal bleibt eben auch hier nicht ohne Folgen.

Export bedeutet Aggression!

Die ökonomische Entwicklung in Deutschland wird entscheidend bestimmt und aktuell getragen von der Exportentwicklung. Das deutsche Kapital trägt so quasi den Geburtsfehler, dass es in einem für seine Größe und Schlagkraft zu kleinen Land existiert. Auch die Einverleibung der DDR hat daran dauerhaft nichts geändert. Der sogenannte Binnenmarkt, also die Absatzmöglichkeiten im eigenen Land sind begrenzt und erbringen keine nennenswerten Wachstumsraten mehr. Dies unterscheidet das deutsche Kapital beispielsweise von den USA und anderen Konkurrenten. Die Konsequenz daraus ist das Streben, den Export immer stärker auszuweiten, in anderen Märkten immer mehr und mehr abzusetzen. Diese zerstörerische ökonomische Strategie wird immer wieder auch angegriffen, insbesondere aus Frankreich und den USA. Das deutsche Vorgehen führt in anderen Ländern dazu, dass einheimische Akteure an den Rand gedrängt und vernichtet werden. Die Konterrevolutionen in Osteuropa und der Euro haben dabei viele Tore geöffnet.

Export bedeutet also permanente Aggression. Seit der Euro-Einführung hat sich der Export von Deutschland in die EU-Länder annähernd verdoppelt. Dies bedeutete vor allem in den kleineren EU-Staaten gleichzeitig die Zurückdrängung oder gar Vernichtung dortiger Produzenten und war wesentlich mitverantwortlich dafür, dass die Verschuldung einiger Länder drastisch anstieg. Denn mit dem Warenverkauf „lieferten“ die deutschen Banken meist den Kredit gleich mit, die Kreditmittel flossen so gleich wieder zurück. Die Rückzahlung jedoch konnte nur durch neue Kredite erfolgen, aus eigenem Wachstum gelang dies überwiegend nicht, da mit diesem ungleichen Austausch direkt die einheimische Wirtschaft an Boden verlor. Irgendwann drängen die Verhältnisse dann dazu, dass diese Brüchigkeit hervortritt, der Tausch Ware gegen Kredit geht nicht mehr weiter. Wie die riesigen Summen aus diesen aufgehäuften Schulden jemals zurückgezahlt werden sollen, ist völlig unklar, bzw. unter den heutigen Bedingungen ausgeschlossen. Die Kredite werden jedoch weiter als Druck- und Drohmittel seitens des deutschen Imperialismus und seiner politischen Erfüllungsgehilfen benutzt. Kreditverlängerungen werden an Bedingungen geknüpft, es erfolgen direkte Eingriffe in politische Entscheidungen, Lohn- und Rentenkürzungen werden verlangt, weiterer Zugriff auf vorhandene Ressourcen durchgesetzt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Versuch, die Privatisierung der allgemeinen Wasserversorgung über die EU durchzusetzen. In Portugal ist dies im Zuge der Schuldenkrise durch entsprechende Kreditbedingungen bereits erfolgt, die Folge ist eine Vervierfachung der Wasserpreise.

Unverändert gehen 60% aller Exporte aus Deutschland in EU-Länder, auch wenn hier durch die Schuldenkrise eine gewisse Stagnation erkennbar ist. Der Exportanteil in Richtung Asien und insbesondere China steigt, ist aber weiterhin nur etwa ein Viertel des Warenaustausches mit den EU-Ländern. Beispielsweise wird weiterhin mehr aus Deutschland in die Niederlande exportiert und von dort nach Deutschland importiert, als nach bzw. von China. Der Export aus Deutschland nach China ist insgesamt rund ein Zehntel des Exports in die EU.

Räder müssen rollen für den Sieg?

Die Automobilindustrie ist bekanntlich als Teil der hiesigen Wirtschaft seit Jahrzehnten besonders wichtig. Allgemein werden in den Zeiten der Krise und bei insgesamt schwachen Verkaufszahlen die Versuche verstärkt, Konkurrenten – oder besser gesagt Gegner – zu vernichten. Ein Daimler-Betriebsrat erklärt dies so: „Dass es sich dabei nur um ein Nullsummenspiel handelt, bei dem die Gewinne der einen die Verluste der anderen sein werden, liegt auf der Hand, weil im kapitalistischen Verdrängungswettbewerb die Überkapazitäten natürlich immer die Überkapazitäten der anderen sind.“ Eberhard von Kuenheim, früherer Chef von BMW, hatte das vor Jahren schon auf den Begriff gebracht: „Es gibt zu viele Autos, aber zu wenig BMW.“ (Fussnote: Hervorhebung durch uns. Zitat IG-Metall Betriebsrat von Daimler, Tom Adler in der schweizer Wochenzeitung vom 26.02.2009)

Die Volkswagen AG (VW) mit ihren diversen Marken ist weiterhin das größte Familienunternehmen der Welt (Fussnote: Die Mitglieder der Eigentümerfamilien Porsche und Piech besitzen insgesamt mehr als 50% an Volkswagen) und tritt zunehmend aggressiv auf. Seit einiger Zeit wirkt sich die Krise in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal nicht zuletzt in einem drastischen Rückgang der Autoverkäufe aus. Dies trifft die Hersteller Fiat und Peugeot-Citroen besonders stark. Denn diese verkaufen Autos ganz überwiegend in Europa, vor allem auch in den südeuropäischen Ländern. Volkswagen trifft dieser Absatzeinbruch deutlich weniger, sie verkaufen nur etwa ein Drittel in Europa und davon die Hälfte ohnehin in Deutschland. Insgesamt war der Autoabsatz in Europa 2012 so niedrig wie seit 1995 nicht mehr, nur noch etwa jedes fünfte Auto weltweit wurde in Europa verkauft. Während VW mit weltweit nun über 9 Millionen Autos die europäischen Verluste durch Preiskampf abfedern und durch andere Märkte wie insbesondere China mehr als ausgleichen kann, sind PSA (Nummer 2 europäischer Hersteller) und Fiat (Nummer 3) von der Krise schwer getroffen (siehe nebenstehende Tabelle).

Während VW seit Ausbruch der Krise um fast die Hälfte zugelegt hat in den Stückzahlen, haben PSA und Fiat deutlich verloren, gerade im abgelaufenen Jahr 2012. Um nun der ungeliebten Konkurrenz möglichst den Todesstoß zu versetzen, bietet VW auf diesen südeuropäischen Märkten besonders hohe Rabatte für Neuwagen an. Der Fiat-Chef Marchionne brachte dies im letzten Herbst auf die Formulierung: „Bei der Preisgestaltung gibt es ein Blutbad, ein Blutbad bei den Margen. (Fussnote: Süddeutsche Zeitung 27.07.2012) Der VW-Haupteigentümer Ferdinand Piech reagiert voller Zynismus und deutsch-imperialistischer Arroganz auf die Frage, ob VW an dem Kauf der Fiat-Tochter Alfa Romeo interessiert sei: „Dem (Fiat-)Konzern geht es noch nicht schlecht genug“. (Fussnote: Süddeutsche Zeitung 28.07.2012) Wenn es drauf ankommt, haben die deutschen Konzernherren die EU immer fest im Griff. Zu dem Vorwurf des unzulässigen Preiskampfes gegen Fiat springt der zuständige EU-Wettbewerbskommissar den Wolfsburgern sofort zur Seite: Es seien „keinerlei Hinweise auf Ausnutzung der marktbeherrschenden Stellung oder unfaire Geschäftspraktiken von Volkswagen bekannt“. (Fussnote: Süddeutsche Zeitung 28.07.2012) Ungestört zieht VW also weiter in den Autokrieg, um größtmöglichen Nutzen aus der Krise zu saugen. Auch der französische Autokonzern Peugeot-Citroen (PSA) verkauft immer weniger Fahrzeuge und beschwert sich über den in Südeuropa gerade durch VW angeheizten Preiskampf: „PSA-Manager Saint-Geours berichtete in Paris von Preisoffensiven mehrerer Konkurrenten, darunter vor allem Volkswagen.“ Und die große und traditionsreiche Tageszeitung „Le Monde“ fügte Anfang Januar hinzu, „dass nach Überzeugung der französischen Regierung ,VW entschieden habe, PSA ausradieren‘“. (Fussnote: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 10.01.2013) Auch dabei hilft die EU. Während die Rabatte von VW ungeprüft bleiben, wird die französische, staatliche Garantie für die Bank von Peugeot-Citroen natürlich von der EU-Kommission unter die Lupe genommen, Entscheidung steht noch aus …

Doch aufgrund der mächtigen Bedeutung der Monopole werden sie von den jeweiligen imperialistischen Staaten in diesem Konkurrenzkampf gestützt, was die Vernichtung von Kapital, von Produktivkräften in großem Stil (zunächst) verhindert – die einzige Lösung, die die Bourgeoisie letztendlich kennt, um Krisen zumindest vorübergehend zu überwinden. Wir sollten nicht vergessen, dass die Antwort auf die letzte Weltwirtschaftskrise letztendlich der 2. Weltkrieg war.

Von wegen deutsch-französische Freundschaft

Der deutsche Sachverständigenrat zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage setzte Ende letzten Jahres noch eins drauf. Die Professoren expandierten mal eben über ihr „Kerngeschäft“ der Beurteilung der deutschen Wirtschaft hinaus und ließen sich ungefragt über Frankreich aus: „Frankreich ist das größte Problem in der Eurozone im Moment [.], denn die Regierung unternehme nichts, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Sie gehe ,sogar in die Gegenrichtung‘ [.] Der Sachverständigenrat werde sich im Dezember ,mehr Gedanken über Frankreich‘ machen, sagte der Vorsitzende [.] Er wies aber Berichte zurück, wonach er im Auftrag von Bundesfinanzminister Schäuble ein Sondergutachten über Frankreich vorbereiten sollte. Dies wäre ,eine grobe Unhöflichkeit den französischen Kollegen gegenüber‘ und die Regierung in Paris ,würde sich so etwas wohl auch verbitten‘. (Fussnote: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 10.11.2012) Davon kann man wohl trotz Friedensnobelpreis ziemlich sicher ausgehen, doch allein die Frage zeigt die Richtung: Im Auftrag der deutschen Monopole sind Minister und „Wissenschaft“ schon in Startposition, nun auch Frankreich einmal deutlich die Hausaufgaben für mehr Wettbewerbsfähigkeit – also vor allem Lohnsenkung – zu „erklären“.

Das deutsche Kapital trampelt somit momentan weiter ungebremst durch Europa (und darüber hinaus). Trotz der Krise, denn es gelingt den hiesigen Herrschenden ihre Position auch auf Kosten der Menschen in anderen Ländern zu stärken, konkret vor allem zu Lasten der Arbeiterklasse in Süd- und Südosteuropa. Also stärken sie ihre Position in und durch die Krise, leider auch, weil die Arbeiter hierzulande das Kämpfen bisher nicht verstärkt haben. So konnte der deutsche Imperialismus der Konkurrenz weiteren Raum abnehmen. Das ist nicht gut, denn die Folgen treffen unsere Klassenbrüder und -schwestern und sie treffen uns, denn natürlich sollen wir weiter verzichten, um den „Wettbewerbsvorteil“ nicht zu gefährden, von dem wir angeblich so viel haben. So wird keine Hoffnung auf ein stilles, schmerzfreies Vorübergehen der Krise helfen, helfen kann nur die Hoffnung, die auf die Straße getragen wird, gegen den ganzen, faulenden Kapitalismus und in Deutschland gegen unseren Hauptfeind, den deutschen Imperialismus und seine staatlichen Knechte und Mägde!

Arbeitsgruppe Zwischenimperialistische Widersprüche

Handelssaldo der EU-Staaten mit den größten Überschüssen bzw.
Unterdeckungen in Milliarden Euro

Land

2002

2011

01.-10.2012

Deutschland

132,8

157,0

157,7

Niederlande

26,2

45,1

41,0

Irland

37,9

43,7

35,6

Tschech. Republik

2,3

7,7

10,8

Griechenland

-22,1

-20,8

-13,2

Spanien

-41,7

-47,2

-29,3

Frankreich

2,6

-84,5

-69,1

Ver. Königreich

-69,9

-117,4

-139,8

Produktionsmenge Autos
in Millionen

2008

2009

2010

2011

2012

Entwicklung seit
Krisenbeginn

Volkswagen (VW)

6,1

5,9

7,1

8,2

9,1

+ 49%

PSA (Peugeot Citroën)

2,8

2,8

3,2

3,2

2,7

-3%

Fiat

1,8

2,0

1,8

1,8

1,4

-20%