Die Hoffnung von Sobibór und das Agieren der Herrschenden hier

Dem Gedenken an Deportation und Ermordung tausender Kinder und Jugendlicher aus den besetzten Niederlanden im Jahr 1943 galten Anstrengungen der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung“. Im Mai und Juni konnte auf Bahnhöfen von Dortmund über Berlin bis Frankfurt/Oder Abschied genommen werden von den Opfern, darunter auch von Menschen, die aus Deutschland vor der Verfolgung im Nachbarland Asyl gesucht hatten. Das ganze Jahr 1943 über verließ jeden Dienstag ein Reichsbahnzug mit bis zu fünfzig mit Menschen vollgepferchten Güterwaggons das NS-Durchgangslager Westerbork in den besetzten Niederlanden. Von März bis Juli war das Ziel im Osten Sobibór, ein Lager errichtet zur industriellen Tötung, unmittelbar nach der Ankunft.

Im Oktober 1943 organisierten Gefangene einen Aufstand. Ihnen gelang die Überwältigung der SS-Bewacher. Mehrere Gruppen konnten sich befreien. Die Zwangsarbeiter hatten von der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad (Februar 1943) erfahren. Auch der Aufstand im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 war den Häftlingen bekannt.

Über 170.000 Juden wurden in Sobibor ermordet. Aus den Niederlanden wurden 34.313 Juden deportiert, von denen ungefähr 33.000 dort in den Gaskammern umgebracht wurden. Ihre Namen sind bekannt, weil die sogenannten Transportlisten, auf denen sie erwähnt wurden, erhalten sind. Davon stammen über 15.000 Menschen aus Deutschland. Mehr als 130.000 Opfer sind aus Polen, der ehemaligen Sowjetunion, Frankreich, Österreich, Tschechien, der Slowakei und dem ehemaligen Jugoslawien.

Humanitäre Gesten oder Restituierung der Opfer

Die Mehrzahl der Menschen wurde mit der Deutschen Reichsbahn verschleppt. Vollgestopft mit den Hinterlassenschaften der Ermordeten kehrten diese Züge ins „Reich“ zurück. Ohne die staatliche Deutsche Reichsbahn wären Verschleppungen und Massenmorde dieses Umfangs unmöglich gewesen.

Nachfolgeunternehmen der NS-Reichsbahn ist die Deutsche Bahn AG.

Aber die Deutsche Bahn AG versucht die Rolle der Reichsbahn bei der Verschleppung und Ermordung von Millionen Menschen einer fernen Vergangenheit zuzuschreiben, mit der sie nichts zu tun habe, da ihre Aktiengesellschaft erst 1994 gegründet worden ist. In Wirklichkeit ist es so: Die DB AG gehört dem deutschen Staat. Der Eigentümer ist juristisch derselbe, der die Mordbefehle für Auschwitz gab. Statt das Gedenken an die Ermordeten auf den Bahnhöfen deswegen als eine ureigene Pflicht zu verstehen, wird es der sogenannten Zivilgesellschaft überlassen, die man dafür zahlen lässt oder auch noch behindern kann.

Der „Zug der Erinnerung“ begnügt sich nicht mit „humanitären Gesten“. Er verlangt von der Bundesregierung und den Monopolen, die damals schon Thyssen, Krupp, Siemens, BASF (damals Teil der IG-Farben) Deutsche oder Dresdner Bank (heute bei der Commerzbank) … hießen, materielle Verantwortung zu übernehmen. Die Bundesregierung muss die Hinterlassenschaften der Massenmorde des faschistischen deutschen Reiches weltweit sichern, den Erhalt der Verbrechensspuren finanzieren und für angemessene Gedenkorte sorgen. Auch die Kinder und Jugendlichen heute und zukünftige Generationen müssen wissen, zu welch ungeheurer Barbarei das Weltmachtstreben der deutschen Monopolbourgeoisie in seiner zugespitztesten Form, Faschismus und Krieg, führen kann. Statt Krumen ihres Vermögens von ihren reich gedeckten deutschen Tischen an die oft ärmlichen Überlebenden zu schieben, müssen die Tätererben ihre Schulden bezahlen: an die NS-Opfer in Polen, in der Ukraine oder in Russland, an die Deportierten in den Niederlanden oder Italien, an die Massaker-Opfer in Griechenland oder Serbien. (Fussnote: Weitere Informationen dazu im Internet auf den Seiten: http://zug-der-erinnerung.eu/sobibor.html und http://www.zug-der-erinnerung.eu/aktuell)

K. Karl

Spenden sind erbeten an: „Zug der Erinnerung”

Kreissparkasse Köln, BLZ 370 502 99, Konto 0352 550 392 (Sobibór)

http://www.zug-der-erinnerung.eu/spendenstand.html

Sie reden von Verantwortung und treiben Ablasshandel

Auszug aus dem Beitrag des Vorstandes der Bürgerinitiative „Zug der Erinnerung e.V.“ auf der Internationalen wissenschaftlichen Konferenz am 1./2.10.2013 in Warschau: „Das deutsche Nazi-Vernichtungslager Sobibór – Was wissen wir? Wie gedenken wir?“

(…) Die Restitution der materiellen Folgen eines Mordes ist der mindeste Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung. Dieser Verantwortung entziehen sich die deutschen Tätererben. Wie ist das möglich?

Ihnen steht eine Institution zur Verfügung, die vor 13 Jahren angesichts erheblichen außenpolitischen Drucks, insbesondere aus den USA, in Deutschland gegründet worden ist: die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Als „Zwangsarbeiterstiftung“ ist die Stiftung einem interessierten deutschen Publikum geläufig, aber einer größeren deutschen Öffentlichkeit unter ihrem eigentlichen Namen so gut wie unbekannt geblieben – obwohl deutsche Steuergelder in Höhe von etwa 5 Milliarden DM (2,5 Milliarden €) in die Stiftung flossen.

Den Begriff „Verantwortung“ würde die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ dann zu Recht im Namen führen, wenn sie bekennen würde, dass Restitution die notwendige Folge schuldhafter Handlungen ihrer Stifter ist.

Aber genau das ist nicht der Fall. Die an der Stiftung beteiligten deutschen Unternehmen lehnten von vorneherein ab, ihre Einzahlungen als restitutiven Teil einer Schuld anzuerkennen. Damit entzogen sie sich dem materiellen Kern jedes verantwortungsvollen Gedenkens und nannten ihre Beteiligung „humanitär“.

Über die deutschen Widerstände gegen die Anerkennung einer Rechtsschuld hat der US- Sondergesandte Stuart E. Eizenstat ausführlich berichtet. (Fussnote: Stuart E. Eizenstat: Unvollkommene Gerechtigkeit, München 2003)Im internationalen Umfeld der 1990er Jahre schien es auch ihm unmöglich zu sein, die enorme Abwehr der Tätererben zu überwinden.

Heute unterliegen NS-Nachfolgeunternehmen in Deutschland keiner Pflicht zur Restitution, wenn sie einen finanziellen Beitrag eigenen Ermessens auf das Konto der Berliner Stiftung eingezahlt haben. Dies gilt auch für die staatlichen Tätererben der Deutschen Reichsbahn.

Würden wir die Ermordeten von Sobibór zurückholen können, die durch mordbezogene, externe Unterstützungshandlungen der Deutschen Reichsbahn ihre Leben verloren, würde ihnen Restitution vor sämtlichen deutschen Gerichten verwehrt werden – unter Hinweis auf die Stiftung EVZ, so wie kürzlich im Frankfurter Landgericht geschehen.

Diese Konstruktion macht die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) zu einem Institut für öffentlichen Ablasshandel. Deutsche Tätererben können bei der EVZ Almosenablässe erwerben, indem sie einen Geldbetrag einreichen, der als vermeintliche Spende auch noch von der Steuer absetzbar ist und den nominellen Beitrag der deutschen Industrie um mehrere Milliarden verkürzte. (Fussnote: Von dem nominellen Beitrag in Höhe von 5 Milliarden DM flossen ca. 2 Milliarden zurück. Handel mit Almosenablässen als obszöne Entlastungen von Schuld und Ausdruck moralischer Heuchelei ist „in der römisch-katholischen Kirche seit 1567 streng verboten“ (wikipedia.org/wiki/). In der Bundesrepublik Deutschland ist der geschichtspolitische Handel mit Almosenablässen der EVZ Gegenwart.)

Almosen

Es ist wahr, dass zahlreiche Opfer in den vergangenen 13 Jahren in den Genuss von Geldern aus den Ablasskassen der EVZ kamen. Leider handelt es sich dabei um eine verschwindend kleine Empfängergruppe, vergleicht man sie mit den tatsächlich Anspruchsberechtigten oder ihren Erben.

Wer etwas bekam, musste um milde Gaben anstehen und erhielt Almosen, vergleicht man die Individualbeträge mit den tatsächlichen Verpflichtungen der Tätererben.

Das hat bei diversen Opfergruppen zu Protesten geführt, weil sie bis heute unberücksichtigt blieben. (Fussnote: So die Italienischen Militärinternierten (IMI) oder mehrere zehntausend zwangsgermanisierte Kinder.) Zu diesen Opfergruppen gehören die Reichsbahn-Opfer der Shoah und die Reichsbahn-Opfer der antislawischen Mordoperationen, z.B. in Polen. Es geht um mehrere Millionen Menschen. Es geht um Milliardenbeträge, die geschuldet werden.

Aufmerksame Beobachter haben früh kommen sehen, dass der „Schlussstrich“ (Fussnote: Laut Gerhard Schröder würde mit der EVZ „ein letztes, wirklich noch offenes Kapitel der NS-Vergangenheit geschlossen werden“. Zit. n. Anja Hense: Entstehung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, Nordhausen 2007), den der damalige Bundeskanzler Schröder im Jahr 2000 mit der EVZ zu ziehen gedachte, nicht gelingen würde. Die inzwischen zu beobachtende Politik der EVZ, die unter der Kontrolle des deutschen Bundeskanzlers und des Bundesfinanzministers steht, bestätigt diese (…) Prognosen.

Ein aktuelles Beispiel liefert die Leugnung des Auswärtigen Amtes, das von über 4 Tausend deutschen Ermordeten in Sobibór angeblich nichts weiß. Was das Auswärtige Amt hingegen genau weiß, ist, dass es sich an der Finanzierung der neuen Gedenkstätte in Sobibór nicht weiter beteiligen will.

Es ist dasselbe Auswärtige Amt, das im Kuratorium der EVZ vertreten ist und damit auch zivilgesellschaftliche Projekte zum Gedenken in Sobibór mittelbar steuern, wenn nötig behindern oder mittelbar unterbinden kann. Inzwischen sind die Zustände in dieser Stiftung soweit gediehen, dass Bewerber um Finanzmittel für das Gedenken von politischer Zensur sprechen. (Fussnote: Mitteilung vom 25.09.2013 an die Autoren)Sollte das zutreffen, gilt diese Zensur der Unterdrückung des zivilgesellschaftlichen Rufs nach angemessener Restitution für die Opfer.

Dass sich die USA und mehrere europäische Opferstaaten auf die Stiftung EVZ als Institution eines öffentlichen Ablasshandels eingelassen haben, ist Ausdruck der weltpolitischen Bedingungen und des historischen Bewusstseins der 1990er Jahre.

(...) Anders als die NS-Täter glaubten und die Apologeten des „Schlussstrichs“ hofften, ist über der Asche von Sobibór weder Gras gewachsen noch das letzte Wort gesprochen.Was in Sobibór geschehen ist, zwingt zu der Frage, ob die Tätererben ihrer materiellen Verantwortung weiter entgehen dürfen oder ob wir von ihnen den Beitrag verlangen, den sie Sobibór schulden – Sobibór und allen anderen Orten der deutschen Massenverbrechen.

(Überschrift und Zwischenüberschriften von K.Karl)

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Zu den Organisatoren des Aufstands gehörte „Sasha“ Petsjerski. Der Leutnant der Roten Armee war als jüdischer „Arbeitshäftling“ eingeliefert worden. Er entwarf den Ausbruchsplan. Eine von Petsjerskis Helfern war Gertrud Poppert (geb. Schönborn) aus Dortmund. Nach ihrer Flucht vor den Nazis wurde sie von den deutschen Besatzern in Holland verhaftet und erst in das „Durchgangslager“ Westerbork, dann nach Sobibór verschleppt.

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Für die Fahrt mit deutschen Jugendlichen zu den internationalen Feierlichkeiten nach Sobibór am 14. Oktober muss die Bürgerinitiative noch rund 7.000 € aufbringen – zusätzlich zu den bisher eingegangenen Spenden. Ebenfalls rund 7.000 € übernahmen die 21 Reiseteilnehmer selbst oder ließen sich von Sponsoren helfen. Die „Bundesstiftung” EVZ, in deren Kassen die deutschen Steuerzahler 5 Milliarden DM (2,5 Milliarden €) eingezahlt haben, gehört nicht dazu.