Die Glut bewahren, nicht die Asche – Der Kampf um Ziegenhals geht weiter!

Am 19. August 2012, anlässlich des 68. Jahrestages der Ermordung Ernst Thälmanns, kamen wieder mehrere hundert Antifaschisten und Kommunisten in Ziegenhals zusammen, junge Kämpfer und alte Kämpen wie Armeegeneral und Minister für Nationale Verteidigung der DDR a. D. Heinz Kessler oder der Widerstandskämpfer, Deserteur der faschistischen Wehrmacht und bekannte Faschismusforscher Kurt Gossweiler. Sie folgen dem Ruf des Freundeskreis „Ernst-Thälmann-Gedenkstätte“, e. V. Ziegenhals, der für die Wiedererrichtung am authentischen Ort der vor zwei Jahren abgerissenen Gedenkstätte kämpft.

Wir dokumentieren die Rede des Vorsitzenden des Freundeskreises, der über die Hintergründe des Abrisses und die aktuellen Perspektiven der Auseinandersetzung informiert. Ferner die Rede des Vertreters der Antifaschistischen Linken Fürth (ALF), der über die Arbeit der ALF berichtet, und wie dort antifaschistisches Gedenken unter der Jugend mit einer wirkungsvollen Praxis gegen Faschisten und Rassisten verbunden wird. Zudem wurde auch über den Fall Deniz K. (vgl. KAZ 339 – letzte Seite) berichtet, für den ca. 130 Teilnehmer/-innen der Kundgebung einen Solidaritäts-Gruß unterschrieben!

Rede des Vorsitzenden des Freundeskreises Ernst-Thälmann-Ge­denkstätte e. V., Ziegenhals Max Renkl am 19.08.2012 in Ziegenhals vor dem Areal der zerstörten Ernst-Thälmann-Gedenkstätte

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Genossinnen und Genossen,

ich begrüße Euch herzlich zu unserer heutigen Kundgebung anlässlich des 68. Jahrestages der Ermordung Ernst Thälmanns im Konzentrationslager Buchenwald.

Ich möchte aber auch ausdrücklich die Enkelin Thälmanns, Vera Dehle-Thälmann, und unsere verdienten Genossen begrüßen, die heute wiederum hier anwesend sind: Kurt Gossweiler, Leo Kuntz und Heinz Kessler, dessen Frau Ruth wir herzlich grüßen wollen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Genossinnen und Genossen,

gestern haben bereits in Berlin, in Buchenwald, Chemnitz, Dresden, Frankfurt/Oder, Freiberg, Halle, Hamburg, Magdeburg, Stralsund und Weimar Ehrungen für Ernst Thälmann stattgefunden.

(...)

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Genossinnen und Genossen,

durch den deutschen Verfassungsschutz ausgebildet, angeleitet, finanziert und geschützt konnten in diesem Land unbehelligt faschistische Morde begangen werden. Die Aufklärung dieser Morde wird durch Vernichtung von Beweismitteln be- und verhindert. Die NPD, in deren Führungsriege vom Staat bezahlte Nazis sitzen, könnte aufgrund der NSU-Skandale ein zweites Mal einem Verbot entgehen und ein weiteres Mal als Sieger dastehen. Die braunen V-Männer oder besser gesagt, die vom Staat bezahlten Nazis in der NPD, vor allem an ihrer Spitze, haben darüber hinaus zu dem Erfolg dieser Partei in den vergangenen Jahren beigetragen und sie zu der wichtigsten und gefährlichsten faschistischen Partei in der BRD gemacht. Die Justiz boxt Naziaufmärsche durch, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, gegen Faschisten nicht in aller Härte vorzugehen und vor allem gegen Antifaschisten aktiv zu werden. Die Strafsachen gegen Blockierer in Dresden, wie z. B. gegen den Bundessprecher der VVN/BdA Heinrich Fink, oder der Versuch der Stuttgarter Staatsanwaltschaft vor einigen Jahren Antifaschisten zu bestrafen, weil sie durchgestrichene oder zerschlagene Hakenkreuze trugen – Begründung: Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole – sprechen Bände. Die Polizei wird abgestellt, um Faschistenaufmärsche zu schützen und ihnen die Straße frei zu knüppeln – gegen alle, die ihnen im Wege stehen. Immer häufiger erfolgen insgeheim Vorabsprachen mit den Nazis, damit diese ungestört ihre menschenverachtende Ideologie auf die Straßen bringen können, und wir Antifaschisten erfahren erst kurzfristig, wo die Faschisten marschieren wollen. Und nachdem die Politik bewusst die rechte Gefahr runterspielte und vertuschte, wird jetzt, statt den braunen Sumpf in und um den VS trocken zu legen, an einer Superbehörde gebastelt. Statt diese ganze Nazischutzbehörde zu schreddern, wird sie auf höherem Niveau, mit noch mehr Kompetenzen und Überwachungsmöglichkeiten ausgestattet. Mehr noch: Der VS, der so viele Nazis auf seinen Gehaltslisten hat, ist darüber hinaus die Behörde, die auch noch maßgeblich darüber entscheidet, wer unter die sog. Extremistenklausel fällt, wer also bspw. Fördermittel für antirassistische Arbeit erhält! Dieses Zusammenspiel zwischen Nazis und Staatsorganen ist vor allem eins: extrem gefährlich. Aber auch das ist in diesem Land nicht neu: Erinnern wir uns an Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren, als sich die rassistische Hetze der Regierung gegen Flüchtlinge bestens mit den faschistischen Pogromen ergänzte, mit dem Ergebnis, dass damals das Recht auf Asyl in diesem Land quasi abgeschafft wurde.

Mit diesen Schlaglichtern soll deutlich werden: Das Problem sind nicht allein die Faschisten, das Problem ist dieser Staat, der sie duldet und nicht bekämpft.

Und die Funktion der Faschisten ist es, Bluthund zu sein, gegen alles Fortschrittliche, gegen Gewerkschafter und Antifaschisten, gegen unsere Kollegen und Genossen aus anderen Ländern, die hier leben und arbeiten. Die Faschisten dienen als Reserve der Herrschenden gegen uns. Diese Reserve wird gebraucht, um im Innern Friedhofsruhe zu schaffen, die notwendig ist, um nach außen hin „den Platz an der Sonne“ gegen die Konkurrenz zu erringen, für Rohstoffquellen und Absatzmärkte.

Und genau das ist der Brückenschlag zu Thälmann, seiner Partei, seinen Genossinnen und Genossen. Sie waren es, die als einzige Kraft den Klassencharakter des Faschismus richtig erkannt haben. Sie waren diejenigen, die die Funktion der Faschisten richtig einschätzten. Und sie waren es deshalb, die den Faschismus von Anfang an entschieden bekämpften.

Von Thälmann und seinen Kampfgenossinnen und -genossen haben wir daher viel zu lernen: Die Klarheit der Analyse einerseits, das Verständnis der Lage der Menschen, ihre Sprache, ihre Nöte, ihre Sorgen, kurz eine Nähe zu Massen andererseits. Die Flexibilität im politischen Tagesgeschäft verbunden mit festen politischen Prinzipien und einem klaren Ziel. Und vor allem die Unversöhnlichkeit mit diesem System, die Unversöhnlichkeit mit den Interessen der deutschen Banken und Konzerne und dem Staat, den sich das Kapital untergeordnet hat und der die Kapital-Interessen gegen unsere Interessen vertritt.

Wir müssen auch unversöhnlich sein! Und nicht erst, wenn die erste Bundeswehrkugel beim Einsatz im Inneren den ersten streikenden Arbeiter niedergestreckt hat.

Wir müssen uns für harte Zeiten wappnen!

Mit Lehrern wie Ernst Thälmann sind wir gut gewappnet.

In diesem Sinne bitte ich Euch, Eure Kränze und Blumen für den vor 68 Jahren ermordeten Ernst Thälmann und seine Kampfgenossen niederzulegen.

Liebe Freundinnen und Freunde,

liebe Genossinnen und Genossen,

hier in Ziegenhals wird am 10. Februar 2013 ein neues Denkmal entstehen, das den Teilnehmern der illegalen ZK-Tagung der KPD am 7. Februar 1933 gedenkt. Das ist sicherlich ein nach vorne weisendes Signal in unserem Kampf heute, wo überall Thälmann-Denkmäler verteidigt werden müssen. Jedoch wegen der Inschrift gab es unter Antifaschisten Streit. Dieser Streit ist nun beigelegt, weil alle dem Kompromiss zugestimmt haben, dass auf dem Stein die Inschrift stehen soll: „7. Februar 1933 illegale Tagung der Kommunistischen Partei Deutschlands im Sporthaus Ziegenhals unter der Leitung ihres Vorsitzenden Ernst Thälmann. Beginn des organisierten Widerstandes gegen die Herrschaft des Faschismus“

Wir haben dieser Inschrift zugestimmt und unterstützen voll und ganz die Errichtung eines Gedenksteins mit dieser Inschrift. Wir werden aber selbstverständlich an der Bezeichnung illegale ZK-Tagung der KPD festhalten, so wie sie uns die überlebenden Teilnehmer übermittelt haben.

(...)

Das alles sind Details und wir sind zwar kein Historikerverein, aber wir wissen, dass es auf Details ankommt, auch wenn das für Unbeteiligte vielleicht müßig erscheint.

Details hin oder her: Es geht im Kern um eins – um die Haltung zur DDR. Wir denken, wenn wir uns einig sind, dass bei allem, was wir das nächste Mal besser machen werden, die DDR die höchste Errungenschaft der deutschen Arbeiterbewegung ist, dann voran, dann lasst sie uns verteidigen. Dann lasst die Kläffer kommen, die den Elefanten anbellen. Wir werden ihnen schon antworten!

Aus unserer eigenen bescheidenen Erfahrung haben wir gelernt: Das, was sich wirklich auszahlt, das ist Beharrlichkeit! Wir haben die Gedenkstätte verloren, das war eine Niederlage für uns, aber auch im zweiten Jahr danach stehen wir hier, meist mit mehreren hundert Menschen, und gedenken diesen Kämpfern und protestieren gegen den Abriss der Gedenkstätte. Wie weit sind wir also dennoch gekommen? Und was werden wir vielleicht noch alles erreichen?

Daher: Ja zu einem Kompromiss, der der antifaschistischen Einheit dient, wie in diesem konkreten Fall. Aber mit uns wird es keine Umdeutung, Umbenennung, Umwidmung in welcher Form auch immer geben. Wir verteidigen die Gedenkstätte, so wie wir sie von der DDR erhalten haben.

Wir freuen uns auf den 10. Februar 2013 – auf unser Doppeljubiläum. Im Aktionsbündnis wurde vereinbart, dass wir an diesem Datum den Gedenkstein gemeinsam einweihen wollen. Den Vorschlag, dass als Vertreter des Aktionsbündnisses der Genosse Leo Kuntz die Einweihungsrede halten soll, unterstützen wir von ganzem Herzen. Wir wollen zudem der Einweihung einen würdigen Platz und entsprechend Raum geben, so dass auch die Bemühungen des Aktionsbündnisses gewürdigt werden. Im Anschluss an die Einweihung wollen wir dann unsere Kundgebung durchführen, erste internationale Gäste wurden bereits eingeladen.

Aber bis dahin müssen noch die 10.000 EUR gesammelt werden, damit der Stein errichtet werden kann. Vorgestern habe ich von Michael Wippold erfahren, dass bereits 6.500 EUR gesammelt wurden – das ist ein gutes Ergebnis! Wir vom Freundeskreis, und das darf ich heute bekannt geben, wollen gerne 400,- EUR aus unserer Kasse für den Stein spenden.

Ihr wisst, dass wir weitere juristische Schritte gegen Gerd Gröger planen. Ansporn dafür ist der jüngste Skandal, als wir herausgefunden haben, dass Gerd Gröger nun mittlerweile Aufsichtsratsvorsitzender des Auktionshauses Karhausen geworden ist, also des Auktionshauses, von dem er das Grundstück so günstig erwarb. Das ist alles an Dreistigkeit nicht zu überbieten.

Zum Abschluss: Wir werden noch in diesem Jahr die Originalausstellung der ETG zeigen, bitte achtet auf Ankündigungen. Und: Gestern habe ich erfahren, dass die nächste Station unserer Wanderausstellung in Bochum in Zusammenarbeit mit dem DDR-Kabinett sein wird. Sie geht also weiter durch das Land! Es gäbe noch viel zu berichten, das werde ich jetzt aber nicht tun. Wir haben für dieses Wochenende einen Info-Rundbrief herausgebracht, in dem über die aktuelle Arbeit berichtet wird. Zum 3. Oktober, an dem auch die Protestveranstaltung des OKV stattfindet, wird ein regulärer Rundbrief herauskommen.

Grußadresse aus Frankreich von George Gastaud:

im Namen des „Comité Internationaliste pour la Solidarité de Classe“ bitte ich Dich, unseren tapferen deutschen Genossen brüderliche Grüße der französischen Kommunisten und Antifaschisten zu übermitteln, die dem Gedenken des heldenhaften und weitsichtigen Ernst Thälmann treu bleiben.

Da der deutsche Imperialismus, unterstützt durch die „französischen“ Oligarchen, von Neuem Europa sein Diktat auferlegt, unter dem Schutz der europäischen Herrschaft, steht mehr denn je die Solidarität zwischen den deutschen und den französischen Internationalisten auf der Tagesordnung, der Erben eines Heinrich Heine und eines Romain Rolland.

Brüderliche Grüße

G.G. im August 2012