Für Dialektik in Organisationsfragen

Die Befreiung der Frau ist nur gegen und ohne die Kapitalisten erreichbar

Eine Kritik der feministischen Sprachkritik

Auf dem Sommercamp „Anton Makarenko“ der KAZ 2014 wurde über das Thema „Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung“ referiert. Der erste Teil setzte sich schwerpunktmäßig mit einem bestimmten Aspekt der bürgerlichen Frauenbewegung auseinander – der feministischen Sprachkritik –, die großen Einfluss bis in die Arbeiterbewegung (Gewerkschaften, Parteien) genommen hat. Dieses Referat ist im Folgenden leicht verändert und aktualisiert abgedruckt. Dem wurde gegenübergestellt, was tatsächlich die materiellen Bedingungen zur Befreiung der Frau sind, anhand des Beispiels der DDR im Vergleich zur BRD. Dieses zweite Referat wurde unter der Überschrift „Mit der Mauer fielen Frauenrechte“ bereits in der KAZ Nr. 348 veröffentlicht.

Zunächst eine Vorbemerkung:

Bei der Kritik an bürgerlicher Frauenbewegung, am Feminismus, gibt es oft Zustimmung von falscher, reaktionärer Seite. Das ist unvereinbar mit der proletarischen Position.

Es gibt sogar auch bei Linken eine Unsitte, wenn es um dieses Thema geht. Da heißt es gerne: Die Frauenfrage ist ein Nebenwiderspruch.

Was ist denn dann der Hauptwiderspruch?

Das ist der Widerspruch zwischen Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse. Das Wort „Nebenwiderspruch“ wird bei keinem anderen Thema so oft und gern benutzt wie bei der Frauenfrage. Und dabei arbeiten wir uns doch ständig nur an Nebenwidersprüchen ab und müssen das auch tun. Wir kümmern uns um die Abwehrkämpfe der Arbeiter gegen das Kapital, die innerhalb des Kapitalismus verbleiben, wir versuchen, demokratisch-antifaschistische Kämpfe zu forcieren oder zu organisieren – all das tun wir, um an die Lösung des Hauptwiderspruchs, den Sturz der Kapitalistenklasse durch die Arbeiterklasse, heranzukommen.

Die Frauenfrage ist nicht nur ein Nebenwiderspruch. Sie enthält mehrere Nebenwidersprüche – je nachdem, ob es sich um Frauen aus dem Proletariat, aus den Zwischenschichten oder aus der Kapitalistenklasse handelt. Die Arbeiterin ist doppelt belastet, wird verstärkt ausgebeutet, ist durch die Abhängigkeit vom Mann auch doppelt unterdrückt. Die Bourgeoisfrau wird u.a. als Gebärmaschine benutzt, um Erben zu züchten, aber auch als Sex- und Vorzeigeobjekt gebraucht. In den Zwischenschichten mischen sich beide Probleme.

Der große Utopist Fourier sah sehr richtig die Bedeutung der Frauenfrage für die Gesellschaft: „Die Erniedrigung des weiblichen Geschlechts ist ein wesentlicher Charakterzug der Zivilisation wie der Barbarei, nur mit dem Unterschied, dass die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt ... Keinen trifft die Strafe, das Weib in der Sklaverei zu erhalten, tiefer als den Mann selbst.“ (Fussnote: Fourier, zitiert nach Marx/Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, MEW Bd. 2, S. 208)

Die Frauenfrage ist ein Gradmesser für den Zustand der jeweiligen Gesellschaft, nicht nur in der Allgemeinheit, wie Fourier sie beschreibt, sondern bis ins Detail.

Hier ein Beispiel aus einer bürgerlichen Zeitung (Fussnote: Badische Zeitung vom 29. September 2012). Da geht es um die Frauen in Führungspositionen – ein Punkt, der uns im praktischen Leben zwar gerade nicht unmittelbar interessiert – aber es ist interessant, wie hier auch die Frauenfrage Spiegelbild der Gesellschaft ist. Da heißt es:

Den größten Frauenanteil in den Führungsetagen weisen im europäischen Vergleich die ehemaligen Sowjetstaaten auf. An der Spitze liegt Litauen (44 Prozent), gefolgt von Bulgarien (Bulgarien war kein Teil der Sowjetunion, aber das wissen die nicht so genau, E.W.-P.) (43 Prozent) und der Russischen Föderation (40 Prozent). Die Erklärung hierzu liegt in dem Gleichheitsvermächtnis aus Sowjetzeiten, die aktuelle Entwicklung ist jedoch rückläufig.“

Das ist das eine zu den früheren gesellschaftlichen Verhältnissen, die so stark nachwirken.

Weiter heißt es in dem Artikel:

In Westeuropa weist fast erwartungsgemäß Schweden einen hohen Frauenanteil von 30 Prozent in Führungspositionen auf. Spitze sind Griechenland und Irland mit je 33 Prozent. Die Schlusslichter im westeuropäischen Ranking bilden Deutschland (20 Prozent) und die Niederlande (19 Prozent).“

Man sieht wieder mal die Besonderheiten des deutschen Imperialismus. Die Niederlande sind kein imperialistisches Land. Innerhalb der imperialistischen Länder aber ist der deutsche Imperialismus Schlusslicht – typischerweise gerade in einer Frage, die ein Test auf die gesellschaftlichen Zustände ist.

Die Frauenfrage ist sehr nahe am Hauptwiderspruch. Die Frauen sind immerhin die Hälfte der Menschheit. Das ist also keine Kleinigkeit, keine Frage einer kleinen Minderheit. Dazu gibt es ein sehr schönes Zitat von August Bebel, das am Schluss seines Buches „Die Frau und der Sozialismus“ steht: „Dem Sozialismus gehört die Zukunft, das heißt in erster Linie – dem Arbeiter und der Frau.“ Mir ist manchmal gesagt worden, das müsste doch Arbeiterfrau heißen oder Arbeiterin. Stimmt aber nicht, sondern: Mit „dem Arbeiter“ ist hier die gesamte Arbeiterklasse gemeint, Männer und Frauen. Es geht in diesem Satz von Bebel nicht darum, wer den Sozialismus erkämpft, sondern wer wird durch den Sozialismus befreit und wem gehört damit die Zukunft. Das ist die Arbeiterklasse und das sind die Frauen. Für die Frauen der Arbeiterklasse trifft das also doppelt zu. Die Frauen der Arbeiterklasse sind besonders unterdrückt, leiden besonders unter dem Kapitalismus, haben eine Doppelbelastung. Nur die Arbeiterklasse kann diese Befreiung wirklich erkämpfen, aber wer befreit wird, das geht über die Arbeiterklasse hinaus, das betrifft auch die Frauen insgesamt.

Bürgerliche Frauenbewegung und Sprachkritik

Es ist nichts Neues, dass die bürgerliche (d.h. auch die kleinbürgerliche) Frauenbewegung versucht, vom Klassenwiderspruch abzulenken und die Solidarität zwischen Bourgeoisfrau und Arbeiterin, zwischen der Gnädigen und dem Dienstmädchen, zwischen der feministischen Karrierefrau und ihrer polnischen oder türkischen Putzfrau herzustellen. Neu ist die feministische Sprachkritik, die in Westdeutschland seit ca. Ende der siebziger Jahre und schließlich auch in der einverleibten DDR um Einfluss kämpft und inzwischen auch sehr viel Einfluss ausübt (auf andere Länder wird in diesem Artikel nicht eingegangen). Der Einfluss ist insbesondere sichtbar in Parteien, politischen Organisationen, Gewerkschaften, staatlichen Verwaltungen. Das ist der Preis dafür, dass das Proletariat in der demokratisch-antifaschistischen Bewegung längst die Hegemonie – also die führende Rolle – verloren hat, ja dass sogar seine Existenz geleugnet wird und kleinbürgerliche Strömungen ganz selbstverständlich in allen Kämpfen die Führung übernehmen.

Die feministische Sprachkritik beruht auf mindestens drei Irrtümern (Fussnote: Diese drei Irrtümer sind einer Arbeit entnommen, in der die Grundlagen der feministischen Sprachkritik zusammengefasst sind: Julia Wesian, Sprache und Geschlecht: Eine empirische Untersuchung zur „geschlechtergerechten Sprache“, SASI Heft 13, 2007, http://noam.uni-muenster.de/sasi/Wesian_SASI.pdf).

Es wird behauptet, dass die Gesellschaft, in der wir leben, eine patriarchalische Struktur habe.

Da die Sprache das Denken und die Wahrnehmung einer Sprachgemeinschaft beeinflusst, kann nach Ansicht der Feministinnen der Benachteiligung der Frau nur durch ein geschlechtergerechtes Deutsch entgegengewirkt werden. (Fussnote: Ebenda, S. 9)

Das Weibliche wird mystifiziert, es wird behauptet, die Unterdrückung der Frauen läge an ihrer Unsichtbarkeit in der Sprache, die Frauen müssten in der Sprache besonders sichtbar gemacht werden.

Irrtum Nr. 1:

Es wird behauptet, dass die Gesellschaft, in der wir leben, eine patriarchalische Struktur habe.

Wir leben in einer kapitalistischen Klassengesellschaft und nicht in einer patriarchalischen Gesellschaft.

Sehen wir uns mal die Geschichte der Menschheit an:

Die ursprüngliche menschliche Gesellschaft war matriarchalisch strukturiert, d.h. die Frauen hatten eine besonders hohe und geachtete Stellung als Mütter. Sie waren keine Ausbeuterklasse, hatten aber eine besonders hervorragende Stellung. Mit dem beginnenden Privateigentum wird das Matriarchat durch das Patriarchat ersetzt – das nennt Engels „die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ (Fussnote: Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW Bd. 21, S. 61). Die patriarchalischen Gesellschaften sind dann Gemeinschaften des beginnenden Privateigentums, noch ohne Staat. Im alten Rom bildete sich die Familie: „Das Wort familia bedeutet ursprünglich nicht das aus Sentimentalität und häuslichem Zwist zusammengesetzte Ideal des heutigen Philisters; es bezieht sich bei den Römern anfänglich gar nicht einmal auf das Ehepaar und dessen Kinder, sondern auf die Sklaven allein. Famulus heißt ein Haussklave und familia ist die Gesamtheit der einem Mann gehörenden Sklaven. (…) Der Ausdruck wurde von den Römern erfunden, um einen neuen gesellschaftlichen Organismus zu bezeichnen, dessen Haupt Weib und Kinder und eine Anzahl Sklaven unter römischer väterlicher Gewalt, mit dem Recht über Tod und Leben aller, unter sich hatte.“ (Fussnote: ebenda) Der Staat der Sklavenhalter ist entsprechend organisiert. Das ist nicht einfach ein Patriarchat, eine Männerherrschaft. Ein Staat entsteht und besteht immer aus der Notwendigkeit der Klassenunterdrückung, er ist der Staat der herrschenden Klassen. Im Sklavenhalterstaat herrschten zwar innerhalb der Sklavenhalter die Männer über die Frauen (siehe die Beschreibung der römischen Familie von Engels), aber innerhalb der Klasse der Sklaven gab es keine patriarchalische Struktur. Sie wurden wie Tiere gehalten, eine gesellschaftlich relevante Beziehung gab es zwischen Sklaven und Sklavenhalter, aber unter den Sklaven gab es solche Beziehungen nicht – keine Ehen, keine Familien etc. D.h. gerade da, wo die hauptsächliche Produktion stattfand, wo also die Gesellschaft genährt und materiell aufrechterhalten wurde, gab es kein Patriarchat.

Anders verhielt es sich in der Feudalgesellschaft. Nicht nur in den herrschenden Klassen, sondern auch bei den Unterdrückten und Ausgebeuteten, den Leibeigenen, herrschten patriarchalische Zustände, die der bäuerlichen Arbeitsteilung geschuldet waren, aber auch dem bescheidenen Besitz an Produktionsmitteln, die ein patriarchalisches Erbrecht erforderten. Dennoch waren auch im Mittelalter die Klassenwidersprüche die entscheidenden gesellschaftlichen Widersprüche.

Die bürgerliche Revolution machte mit der Leibeigenschaft Schluss. Sie schrieb sich die Gleichheit auf die Fahnen. Die Gleichheit entspricht der kapitalistischen Produktion. Dem Kapitalisten kann es egal sein, ob seine Arbeiter männlich oder weiblich sind, von hier oder aus anderen Ländern etc. kommen. Er will auf alle Zugriff haben, die ihre Arbeitskraft verkaufen wollen und können. Der Kapitalismus ist der große Gleichmacher. Das ist ein großer Fortschritt. Es ist im Grunde genommen die Vernichtung aller patriarchalischen Strukturen. Dagegen gibt es nun allerdings bekanntlich einen heftigen Gegenwind von Frauenverachtung, Frauenfeindlichkeit und Frauenunterdrückung. Den kann man nur dann erfolgreich bekämpfen, wenn man die materialistische Grundlage anerkennt, dass der Kapitalismus ein antipatriarchalischer Gleichmacher ist und dabei ständig über seine eigenen Füße stolpert. Zum Beispiel beruht er auf Privateigentum, und Privateigentum heißt: Männerherrschaft. Die Erbfolge muss gesichert werden (nicht bei Arbeitern, die nichts haben, aber bei den Kapitalisten). Die Mütter sind die einzig sicheren Eltern ihrer Kinder – und um halbwegs auch die Vaterschaft zu sichern, muss die Frau in der Ehe gefesselt werden (inzwischen ist hier die Position der Frauen sogar durch die Entwicklung der Produktivkräfte verschlechtert worden – nämlich durch die Möglichkeit des Vaterschaftstests). Eine weitere Frage der kapitalistischen Gesellschaft ist: da in ihr jeder nur für sich selber sorgt, wer ernährt und versorgt dann die Kinder, die künftigen Lieferanten der Arbeitskraft? Die Antwort ist: Die Arbeiter müssen Familien haben, die die künftigen Arbeiter aufziehen. Wenn es an Möglichkeiten der Kinderbetreuung mangelt, dann muss sich der männliche Arbeiter ganz wie ein Patriarch eine Frau halten, die er ernährt und die diese Aufgabe erledigt und – wie eine Prostituierte – froh sein kann, dass die sexuelle Verbindung mit einem Mann ihr den Lebensunterhalt sichert. Und das alles, wo doch der Kapitalismus tagtäglich die Familie zerstört, die Familie keinen ökonomischen Sinn mehr hat. Und genau dieses Elend wird auch noch ausgenutzt, um die Löhne der arbeitenden Frauen zu drücken und ihnen die miesesten Arbeitsbedingungen aufzuzwingen.

Wir sehen, was für schreiende Widersprüche der Kapitalismus produziert – er macht alle gleich, befreit die Frauen und tritt sie gleichzeitig in den Staub, demütigt und verhöhnt sie. Dass da eine Frauenbewegung entstand – die im Mittelalter so gar nicht denkbar gewesen wäre – ist kein Wunder. Es ist aber auch kein Wunder, dass diese Frauenbewegung aus ihrer begrenzten bürgerlichen Perspektive nicht die antipatriarchalische Grundlage dieser Gesellschaft erkennen kann, auf der es möglich ist, dass Mann und Frau gemeinsam eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung erkämpfen.

Wie es sich mit der Gegenwart (Kapitalismus), der Vergangenheit (Feudalismus – Leibeigenschaft) und der Zukunft (Sozialismus) bei der Frage der Gleichberechtigung der Frau verhält, hat Lenin nach der Oktoberrevolution einmal so zusammengefasst: „Bei uns in Rußland gibt es keine solche Gemeinheit, Abscheulichkeit und Niederträchtigkeit wie die Rechtlosigkeit oder nicht volle Gleichberechtigung der Frau, dieses empörende Überbleibsel der Leibeigenschaft und des Mittelalters, das von der eigennützigen Bourgeoisie und dem stumpfsinnigen, eingeschüchterten Kleinbürgertum in ausnahmslos allen Ländern des Erdballs immer wieder aufgefrischt wird.“ (Fussnote: Lenin, Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution, LW Bd. 33, S. 33)

Zusammenfassend ist festzustellen: Die kapitalistische Gesellschaft ist nicht patriarchalisch strukturiert – sonst hätte die feministische Sprachkritik auch niemals diese schnellen Erfolge haben können. Die Darstellung der heutigen Gesellschaft als patriarchalisch bleibt an der Oberfläche, verharmlost den Kapitalismus und verneint gleichzeitig seine Fortschrittlichkeit gegenüber dem Feudalismus. So ist es übrigens auch zu erklären, dass sich oft Feminismus mit Hinwendung zum Mittelalter, Esoterik usw. durchaus vereinbaren lässt und auch der Faschismus feministische Strömungen für sich nutzen und organisieren kann.

Irrtum Nr. 2:

Da die Sprache das Denken und die Wahrnehmung einer Sprachgemeinschaft beeinflusst, kann nach Ansicht der Feministinnen der Benachteiligung der Frau nur durch ein geschlechtergerechtes Deutsch entgegengewirkt werden.

Diese Behauptung ist einfach eine Umkehrung der Tatsachen.

Die Sprache ist ein Mittel, ein Werkzeug, mit dessen Hilfe die Menschen miteinander verkehren, ihre Gedanken austauschen und eine gegenseitige Verständigung anstreben. Mit dem Denken unmittelbar verbunden, registriert und fixiert die Sprache in Wörtern und in der Verbindung von Wörtern zu Sätzen die Ergebnisse der Denktätigkeit, die Erfolge der Erkenntnistätigkeit des Menschen und ermöglicht somit den Gedankenaustausch in der menschlichen Gesellschaft.“ (Fussnote: Stalin, Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft, Stalin Werke Bd. 15, S. 186) Die Sprache ist also dazu da, Gedanken auszutauschen. Entsprechend der feministischen Sprachkritik soll ich aber mit dem Gedanken, den ich austauschen will, einen weiteren Gedanken transportieren, nämlich die Geschlechtergerechtigkeit. Kein Mensch kann aber zwei Gedanken gleichzeitig denken, das ist längst wissenschaftlich erwiesen. Stellt euch vor, Feuerwehrleute werden zum Einsatz gerufen und gleichzeitig mit Einsatzort und Rettungsauftrag bekommen sie gesagt, dass sie auf keinen Fall die leidenden Kinder auf der ganzen Welt vergessen sollen. Was geschieht: die volle Konzentration ist nicht mehr gegeben, der Rettungseinsatz misslingt und die leidenden Kinder sind auf diese Weise auch nur durch den Kakao gezogen worden. Meine Darstellung ist übertrieben? Ich glaube nicht, so habe ich zum Beispiel in einem feministischen Internetbeitrag den Ratschlag gelesen: Ich soll mir immer eine Alternativformulierung überlegen. Zum Beispiel falsch ist: Einen Arzt holen, richtig ist: ärztliche Hilfe holen. Dieses Beispiel zeigt die Pedanterie und Lebensfremdheit dieser Sprachkritik. Wenn also jemand vor meinen Augen mit einem Herzinfarkt zusammenbricht, dann soll ich wohl erst mal ins Vokabelheft nach der richtigen Formulierung schauen und auf keinen Fall einen Arzt holen.

So wird die Sprache entwaffnet. Durch die Pedanterie der Wortendungen etc. wird es kolossal erschwert, die Mittel, die uns die Sprache liefert, zu verwenden. Wissenschaftlichkeit, Leidenschaft, Ironie, Witz, Trauer, Hoffnung, Liebe und Hass – all diese Möglichkeiten machen die Sprache zu einer Präzisionswaffe. Ohne das alles ist übrigens auch eine gute kommunistische Agitation gar nicht möglich. Und all das wird durch eine pedantische Sprachkritik und absurde Wortveränderungen, die sich nicht mal sprechen lassen, behindert oder zerstört.

Was leistet denn diese Sprachkritik? Wir kommen doch aus der männerdominierten Sprache nicht heraus, wenn wir überall eine Endung heranhängen. Viele von euch werden ja die Schöpfungsgeschichte aus der Bibel kennen – übrigens eine interessante Reflexion auf den siegreichen Kampf des Patriarchats gegen das Matriarchat. Der erste Mensch Adam wurde aus Lehm hergestellt und Eva wurde aus Adams Rippe gemacht. Nicht anders verhält es sich mit der Sprache. Die Arbeiterin ist sprachlich gesehen leider auch nur aus der Rippe des Arbeiters geschnitzt. Eine besonders absurde Sprachveränderung ist die des Wörtchens „man“, kleingeschrieben. Grammatisch nennt sich das Indefinitpronomen. Es ist aus demselben Wortstamm wie das Wort Mann (Substantiv), großgeschrieben mit zwei „n. Das ist aber auch alles. Sollen wir alle Wörter kritisieren, die diesen Wortstamm haben? Solche Bestrebungen gibt es durchaus in der feministischen Bewegung. In den achtziger Jahren bin ich zufällig auf die Tonaufnahme eines Kindergedichts von Brecht gestoßen (Der Fisch-Fasch). Da heißt es in einer Strophe:

Und wenn die Menschen ein Haus bauten

Und wenn die Menschen Holz hauten

Und wenn die Menschen Suppe kochten

Und wenn die Menschen einen dicken Berg durchlochten

Dann schaute der Fischfasch ihnen stumpfsinnig zu …

Eine wunderbare Darstellung der menschlichen Arbeit … Die Gruppe aber, die den Vortrag dieses Gedichts gestaltet und aufgenommen hatte, hatte das Wort „Menschen“ durch „Leute“ ersetzt. Das ist schlimm genug. Die menschliche Arbeit, der Mensch im Gegensatz zum Tier, die Menschwerdung des Affen, die Menschheit, die Menschlichkeit – das alles müsste der feministischen Sprachkritik zum Opfer fallen – und wie man an diesem Gedicht sieht, tut es das teilweise auch.

Das Wörtchen „man“ ist genauso schuldig oder unschuldig wie das Wort „Mensch“ mit all seinen Ableitungen. Die Form man/frau entwertet das Wort man, ebenso die Form „mensch“ (kleingeschrieben) statt „man“, denn dieses Wörtchen „man“ stellt eine gewollte Verallgemeinerung und Pauschalisierung dar, die man (!) oft in der Sprache braucht und die sehr oft auch ironisch verwendet wird.

Die Sprache hinkt den Verhältnissen immer hinterher. Sie verändert sich zwar mit der Entwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber nicht grundsätzlich und immer nur so weit, dass eine präzise Verständigung möglich ist. Wenn wir zum Beispiel sagen: „Wir sehen uns morgen den Sonnenaufgang an“, dann ist das eine präzise Vereinbarung. Eigentlich ist der Satz unsinnig, weil sich ja die Sonne gar nicht um die Erde bewegt. Dennoch können wir uns so verständigen, ohne damit einem Galilei Folter anzudrohen oder einen Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen zu stellen. Es werden aber auch absichtlich Kampfbegriffe gegen uns gebildet, so z.B. der typisch deutsche Jargon „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“. Das ist nicht Althergebrachtes, sondern Kampf gegen die Arbeiterklasse und relativ neu. Da wäre eine massive proletarische Sprachkritik sinnvoll.

Etwas Anderes ist die Frage, ob einzelne Wörter tabuisiert werden – wie z.B. die Wörter „Zigeuner“ oder „Neger“. Diese Tabuisierung ist zu respektieren, sie kennzeichnet allerdings auch Niederlagen im Kampf gegen den Rassismus oder andere reaktionäre Bedrohungen. Diese Tabuisierungen behindern auch die lebendige Sprache nicht – ich möchte fast sagen leider. Denn ich habe schon übelste antiziganistische Hetze gegen Roma gehört, bei der „völlig korrekt“ das Wort „Roma“ verwendet wurde … Solche Veränderungen gibt es in der Sprache öfters. So ist z.B. das Wort „Weib“ als normale Bezeichnung für eine Frau inzwischen verpönt, sie war früher ganz normal.

Dass der Benachteiligung der Frau durch Veränderung der Sprache entgegengewirkt werden könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Umso schlimmer, dass auch noch behauptet wird, dass dies nur durch die Umsetzung der feministischen Sprachkritik geschehen könnte. Nach Auswegen aus dem Elend der Arbeiterfrauen und aller Frauen zu suchen, hat sich damit erledigt. Nur die Sprache wird gesehen, die in Wirklichkeit nichts verändert, die Realität spielt keine Rolle.

Irrtum Nr. 3:

Das Weibliche wird mystifiziert, es wird behauptet, die Unterdrückung der Frauen läge an ihrer Unsichtbarkeit in der Sprache, die Frauen müssten in der Sprache besonders sichtbar gemacht werden.

Das Ziel der feministischen Sprachkritik ist die Sichtbarmachung der Frauen. Das Ziel des Proletariats hinsichtlich der Frauenunterdrückung ist ein ganz anderes: die Gleichheit, das Verschwinden der Geschlechter aus dem gesellschaftlichen Leben. Auf die Frage: „Welchen Einfluß wird die kommunistische Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben?“ antwortete Engels: „Sie wird das Verhältnis der beiden Geschlechter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die beteiligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet.“ (Fussnote: Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, MEW Bd. 4, S. 377)

Zum heutigen Verhältnis unter den Geschlechtern schrieb Engels: „In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. (…) Und doch ist dieser Zustand, der den Mann entmannt und dem Weibe seine Weiblichkeit nimmt, ohne imstande zu sein, dem Manne wirkliche Weiblichkeit und dem Weibe wirkliche Männlichkeit zu geben, dieser, beide Geschlechter und in ihnen die Menschheit aufs schändlichste entwürdigende Zustand die letzte Folge unserer hochgelobten Zivilisation, das letzte Resultat aller der Anstrengungen, die Hunderte von Generationen zur Verbesserung ihrer eignen Lage und der ihrer Nachkommen gemacht haben! (…) wir müssen zugeben, dass eine so totale Umkehrung der Stellung der Geschlechter nur daher kommen kann, dass die Geschlechter von Anfang an falsch gegeneinandergestellt worden sind.“ (Fussnote: Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW Bd. 2, S. 371) Inzwischen sind die Produktivkräfte so weit entwickelt worden, dass es immer fragwürdiger wird, ob die herkömmliche Zeugung und Austragung des Nachwuchses für immer so bleiben muss. So wie in den sechziger Jahren die Pille den Frauen mehr Freiheiten gegenüber der Abhängigkeit vom Mann gegeben hat, scheinen mir die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin noch weitere Freiheiten und Widersprüche zum Tragen zu bringen. Homosexualität ist nicht mehr strafbar, homosexuelle Männer und Frauen kämpfen relativ erfolgreich gegen Diskriminierung (erfolgreich jedenfalls, wenn man die Zustände in der BRD in den sechziger Jahren dagegen hält). Inzwischen tragen auch Menschen ihr Leid in die Öffentlichkeit, die nicht von Staats wegen als Frauen oder Männer abgestempelt werden wollen. Alle diese Widersprüche bestätigen, dass die gesellschaftlichen Widersprüche in die Richtung der offiziellen Geschlechtslosigkeit, der Gleichheit der Menschen geht – die allerdings erst durch die kommunistische Gesellschaft erreichbar ist.

Die Realität selber also verweigert sich dem Feminismus – und damit auch der feministischen Sprachkritik. Gerade die Entwicklung des öffentlichen Hervortretens der sogenannten Trans- und Intermenschen ist die schärfste Kritik am Feminismus. Statt das zuzugestehen, wird nun der sprachliche Unsinn auf die Spitze getrieben – die Menschen, die sich ihrer geschlechtliche Einteilung widersetzen, bekommen ein Sternchen – es ist unfassbar lächerlich, und lächerlich gemacht wird im Grunde auch das Leid, das hinter jeder staatlichen und gesellschaftlichen zwangsweisen Geschlechtszuteilung steckt.

Zu den feministischen Vorstellungen gehört natürlich auch unabdingbar dazu, dass die Bourgeoisdamen, die Karrierefrauen, die höchste Politik von der Gleichberechtigung erfasst werden. Bundeskanzler und Kriegsminister sind inzwischen weiblich, aber von der angeblichen Friedlichkeit und Vernunft der Frauen in hohen Ämtern ist gar nichts zu merken. Im Gegenteil, Frau von der Leyen hat sofort mit Amtsantritt mit kriegerischen Tönen losgelegt. Sehr schnell hat sich in ihr die Funktion eines weiblichen Kriegsministers offenbart: Sie kämpft für die Familienfreundlichkeit der Bundeswehr. Und wie wäre die besser zu erreichen als mit der Anschaffung von leistungsfähigen Kampfdrohnen, mit denen sauber und ungefährdet – vielleicht sogar vom heimischen Rechner aus –Menschen, Häuser, Betriebe, Brücken, Straßen vernichtet werden können.

Der bundesweite Aufruf des Bündnisses Frauen*Kampftag zum 8. März 2014 in Berlin nimmt das nicht zur Kenntnis, obwohl die Ernennung der von der Leyen zum Kriegsminister bereits Monate her war. Er nimmt auch nicht zur Kenntnis, dass wir einen langjährigen weiblichen Bundeskanzler haben, der so verhasst in Europa ist wie kein anderer vorher. Er nimmt nicht zur Kenntnis, dass Alice Schwarzer für die frauenverachtende Bild-Zeitung arbeitet, er nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Frauen in den Chefetagen auch nicht anders handeln und nicht anders handeln können als die Männer, nämlich als Charaktermasken des Kapitals. Aus dem Text geht hervor, dass die Haussklaverei nicht abgeschafft, sondern umverteilt und neu bewertet werden müsse (d.h. Hausfrauenlohn und Verewigung der Haussklaverei, die übrigens auch nicht besser wird, wenn sie Männern übertragen wird). Und natürlich ist dieser Aufruf von den unsinnigen Sternchen durchsetzt. Er fordert die Solidarität aller Frauen plus der mit den Sternchen bezeichneten Menschen – d.h. egal welcher Klassenlage und auch egal welcher politischen Richtung. In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig, sich zu erinnern, dass die feministische Sprachkritik sehr stark von Elisabeth Schwarzkopf und Rita Süssmuth, beide CDU, angestoßen und gefördert worden war.

Ein Bündnis mit solchen Anschauungen und Forderungen ist von der proletarischen Seite her unmöglich. Das heißt aber nicht, dass es kein Bündnis geben könnte, z.B. im antifaschistischen Kampf mit Vertretern der feministischen Sprachkritik. Das umso mehr, als sich in den letzten Monaten menschenfeindliche, frauenfeindliche, faschistisch initiierte Zusammenrottungen („Lebensschützer“, „besorgte Eltern“, Pegida und Co., AfD…) sowie die so offensichtlichen deutschen Kriegsvorbereitungen den Blick von so manchen Feministinnen doch ein wenig mehr auf die demokratisch-antifaschistischen Kampfaufgaben lenken (zumindest deutet sich das in dem Berliner Aufruf zum 8.März 2015 an und zeigt sich in sehr berechtigten Aktivitäten von Feministinnen gegen „Lebensschützer“ usw.). Bei antifaschistischen, antimilitaristischen Bündnissen oder Bündnissen der internationalen Solidarität muss man sicherlich Kompromisse eingehen, aber man darf auch Phantasie und Klugheit einsetzen, um zu einer besseren Lösung zu kommen. Wir sollten z.B. schon mal ausprobieren, ob wir wirklich die grauenhafte Wortschöpfung Arbeiterinnenklasse (mit großem I oder Unterstrich, vielleicht noch mit Sternchen) erdulden müssen, oder man sich nicht einfach auf das schöne Wort „Proletariat“ einigen kann – was auch einer notwendigen Sprachkritik von unserer Seite zugutekäme. Das Proletariat kommt ja zurzeit nur als das Schimpfwort „Proll“ vor, und auch dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen.

Die Gleichheit von Mann und Frau, die Befreiung der Frau, kann erreicht werden, und es wurde schon viel in dieser Hinsicht erreicht – nicht durch die Sprache, sondern durch die Errichtung einer Gesellschaftsordnung ohne Kapitalisten. Die Frauen in der DDR sagten: Ich bin Ingenieur. Ich bin Architekt. Ich bin Kranführer. Ich bin Betriebsleiter. Ich bin Lokführer. Unsere Feministinnen und Feministen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen über solch eine „Männersprache“. Was sie nicht sehen, ist dass die DDR und andere sozialistische Länder sich tatsächlich und nicht nur in Worten auf den Weg zur Frauenbefreiung gemacht hatten.

Erika Wehling-Pangerl

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„Dem Sozialismus gehört die Zukunft, das heißt in erster Linie – dem Arbeiter und der Frau.“ - August Bebel

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„Die Erfolge der bürgerlichen Frauenbewegung kommen in der Hauptsache überwiegend den ökonomisch freien Frauen der besitzenden, herrschenden und ausbeutenden Klasse zugute.“ - Clara Zetkin, im Bild mit Rosa Luxemburg 1910.

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Ob Arbeiterin oder Arbeiter, das spielt für den Ausbeuter keine Rolle. Dennoch wird im Kapitalismus die Benachteiligung der arbeitenden Frauen stets von neuem hervorgebracht.

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2012: Der Drogerie-Discounter Schlecker geht pleite, 25.000 Frauen werden entlassen. Die Verelendung in dieser kapitalistischen Gesellschaft trifft die Frauen besonders hart.

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Endlich wird die Barbarei des deutschen Militarismus netter und familienfreundlicher …