KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Hannah Arendt

Der Kommunismus wird verbrannt – da kann er machen, was er will!

In der Auseinandersetzung mit der Totalitarismusdoktrin kommt man um Hannah Arendt nicht herum.

Wer war Hannah Arendt (1906 bis 1975)? Die ehrenwerte H.A. entstammt dem jüdischen Teil des deutschen Großbürgertums, wurde durch die schlechtesten Traditionen der deutschen idealistischen Philosophie geprägt (Heidegger) und promovierte über den „Liebesbegriff bei Augustinus“ (übrigens einen der liebsten Kirchenlehrer von Ratzinger). Sie wurde durch die Freundschaft mit Karl Jaspers in den konservativen, politischen und philosophischen Denkstrukturen verfestigt.

Die Machtübertragung an die Hitlerfaschisten 1933 erlebte sie mit acht Tagen Gestapohaft wegen zionistischer Tätigkeit. Unvergessen ihre Aussage bei dem berühmten Interview mit Günther Gaus:

Arendt: ...Dass die Nazis unsere Feinde sind – mein Gott, wir brauchten doch, bitteschön, nicht Hitlers Machtergreifung, um das zu wissen! Das war doch seit mindestens vier Jahren jedem Menschen, der nicht schwachsinnig war, völlig evident. Dass ein großer Teil des deutschen Volkes dahinterstand, das wussten wir ja auch. Davon konnten wir doch nicht ’33 schockartig überrascht sein.

Gaus : Sie meinen, der Schock lag 1933 darin, dass die Vorgänge vom allgemein Politischen ins Persönliche gewendet wurden?

Arendt: Nein, nicht einmal. Oder: das auch. Erstens wurde das allgemein Politische ein persönliches Schicksal, sofern man herausging. Zweitens aber wissen Sie ja, was Gleichschaltung ist. Und das hieß, dass die Freunde sich gleichschalteten! Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals in der Welle von Gleichschaltung, die ja ziemlich freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, dass unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das hab ich nie vergessen.

Mit diesen Freunden war u.a. Martin Heidegger gemeint, der schon im Frühjahr 1933 der NSDAP beitrat, dem sie aber noch in einem Vortrag zu seinem 80. Geburtstag huldigte und seine Liebedienerei vor Hitler als „déformation professionelle“ (berufsmäßige Verformung – d.V.) zu rechtfertigen versuchte.

Im Exil in Frankreich arbeitete sie für zionistische Organisationen, die jüdische Kinder nach Palästina verschickten.

Zu Beginn des 2. Weltkriegs wurde sie im berüchtigten Lager Gurs interniert, kam frei und konnte schließlich in die USA emigrieren. Dort fasste sie nach dem Krieg Fuß als Autorin und Hochschullehrerin in politischen Wissenschaften. Neben ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wurde sie bekannt und bekämpft als Berichterstatterin des Eichmann-Prozesses („Banalität des Bösen“). Sie verteidigte den Staat Israel, aber kritisierte zunehmend den Zionismus und bezeichnete Menachem Begin als „rassistisch“.

Herkunft und Biographie machen viele ihrer Standpunkte verständlich, auch ihr Bestreben, sich in kein Schema einordnen zu lassen, sich keinen Ideologien unterzuordnen, sich nie wieder gleichzuschalten oder gleichschalten zu lassen – das ist der freiheitliche und rebellische Zug bei H.A. Das kann aber nicht über ihre Schwächen, ihre idealistische Borniertheit, ihren nonchalanten Umgang mit Marx, Lenin und Stalin, über die unseriöse Verwendung von Fakten und ihre Abneigung vor gründlicher, empirischer Untersuchung hinwegsehen lassen.

Zerfall als Voraussetzung für die Entstehung „totalitärer Regimes“

Ihr Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ (das wir in der 4. Auflage, München 1995, benutzen und auf das sich die Seitenangaben der Zitate beziehen) ist in drei Teile gegliedert:

I. Antisemitismus, II. Imperialismus, III. Totale Herrschaft

Wir werden im Folgenden vor allem auf den Teil „Imperialismus“ eingehen, um zu zeigen, auf welch „kurzen Beinen“ ihre Ableitung von Totalitarismus steht.

Arendt sieht als Voraussetzung für die Entstehung totalitärer Regimes als wesentlich den Zerfall der Klassengesellschaft und den Zerfall des Nationalstaats an. Beides lastet sie dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Imperialismus an. Das Ergebnis seien atomisierte Individuen statt Klassen – mal „Mob“, mal „Massen“ genannt, die zu allem zu verwenden seien. An die Stelle der Nationalstaaten tritt die zwanghafte Expansion, in der sich schließlich die Staaten gegenseitig verschlingen müssen. Um schließlich neu zu beginnen: „Wenn der letzte Sieger im Kampf um die Erde die ,Sterne nicht annektieren’ kann, so bleibt ihm nur übrig, sich selbst zu zerstören, damit der unendliche Prozess aufs neue beginnen kann.” (252)

Um zu diesem Geschichtsbild eines mörderischen Kreislaufs zu gelangen, muss sie Marx (um den sie nicht herumkommt) klein machen. „Es ist hier nicht der Ort, auf die Marxsche Staatstheorie einzugehen. Immerhin darf bemerkt werden, dass die eigentümliche und oft gerügte Blindheit Marx’ in der Staatsfrage aufs engste damit zusammenhängt, dass er alles vom Standpunkt der Bourgeoisie aus, wenn auch oft mit umgekehrten Vorzeichen, betrachtet; er sieht im Staate genau das, was die Bourgeoisie wollte, dass er sei. Mit der Wirklichkeit des Nationalstaates hat sich dies nie gedeckt.” (240 f. – Fn.)

Arendt übersieht dabei nur, dass genau das die Aufgabe war, die sich Marx gestellt hatte: zu ergründen, was der Staat der Bourgeoisie im Kampf der Klassen bedeutet und ihn daraufhin zu prüfen, ob er vom Proletariat übernommen werden kann oder zerschlagen werden muss. Doch genau das will Arendt zudecken: den Staat als Klassenstaat zu begreifen. Lebt sie und ihre ganze Totalitarismusdoktrin doch von der Fiktion des Staates über den Klassen. – Und ganz nebenbei: Wer rügt denn die „Marxsche Blindheit“? Das hätte man doch gern gewusst, um zu sehen, mit welchen Kronzeugen sich Arendt hier schmückt. Aber kein Zitat, keine Fußnote, mit denen sie sonst nicht sparsam ist. So bleibt es beim Versuch des intellektuellen Rufmords.

Imperialismus-Analyse auf dünnen Beinen

In gleicher Weise – als Fußnote – führt sie Lenin in ihrer Imperialismusanalyse an. Immerhin will sie anerkennen:

– Dass das Monopolkapital (das sie so natürlich nicht nennt) Ergebnis von Konzentration und Zentralisation des Kapitals ist und selbst dazu beiträgt in großem Umfang Geldkapital zu produzieren, das nach maximal-profitablen Anlagemöglichkeiten verlangt, die im Inneren der bürgerlichen Nationen nicht mehr vorhanden sind. Wie wackelig allerdings dabei Arendts Erkenntnisunter­grund ist, zeigt: „Das Profitinteresse, dessen Bedeutung für die imperialistische Politik auch in der Vergangenheit häufig überschätzt (!!) wurde, ist heute gänzlich in den Hintergrund getreten, nur sehr reiche und sehr mächtige Länder können sich die riesigen Verluste leisten, die der Imperialismus mit sich bringt.” (213)

– Dass das Monopolkapital aufgrund des Verwertungszwangs des Kapitals über die Grenzen der Nationalstaaten hinaustreibt.

Bei ihren sonstigen Ausführungen zum Imperialismus stützt sich Arendt aber wesentlich auf Hobson, den Lenin zu Recht als Vertreter der „kleinbürgerlichen Kritik“ am Imperialismus kennzeichnet. Und auf Hilferding, über dessen von Lenin herausgearbeitete Mängel sie schweigt. Und bei Rosa Luxemburg stützt sich Hannah Arendt „instinktsicher“ ausgerechnet auf den widerlegten Aspekt ihrer Imperialismustheorie. (Fussnote: Unter den Büchern über den Imperialismus ist vielleicht keines von einem so außerordentlichen geschichtlichen Instinkt geleitet wie die Arbeit von Rosa Luxemburgs.“ Und dann wird aus Rosas „Die Akkumulation des Kapitals“, u.a. zitiert: „…die Realisierung des Mehrwerts als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft erforderte“. (254, Fn. 58)) Sie will sie sich auch noch dienstbar machen für das Folgende: „dass es eine von der Politik schlechthin unabhängige, ihren eigenen Gesetzen gehorchende, kapitalistische Entwicklung nicht geben kann und nie gegeben hat.” (254 – Fn. 58)

Diese Argumentationsweise der Totalitaristen hat Methode: Popanz aufbauen, um dann darauf triumphierend herumzuschlagen, keine besonders appetitliche Art der Polemik. Der H.A. sei’s geklagt, finden sich sowohl bei Marx, Engels, Lenin, Stalin und schon gar Mao Tsetung genügend Hinweise auf die Dialektik von Ökonomie und Politik, von Überbau und ökonomischer Basis.

Vor den Leninschen Konsequenzen schreckt sie zurück:

– Dass in einer vollständig aufgeteilten Welt der aus dem Akkumulationszwang folgende Expansionszwang unvermeidlich zum Zwang zur (gewaltsamen) Neuaufteilung unter die imperialistischen Großmächte führt.

– Dass die Kapitalisten dabei umso mehr auf ihren Nationalstaat angewiesen sind, um die Interessen des aus Industrie- und Bankkapital verschmolzenen Finanzkapitals nach Außen gegen die ausländische Konkurrenz und nach Innen gegen die Revolution zu schützen, deutet Arendt immer wieder an (sich allerdings um die klaren Begriffe von Marx, Engels oder Lenin herumdrückend). Aber dennoch hält sie an ihrer These vom Zerfall des Nationalstaats fest. Das kommt daher, dass sie den Nationalstaat mit bürgerlicher Demokratie zu identifizieren versucht. (Fussnote: Das sieht man u.a. im Folgenden: „Zwar gelang es der Bourgeoisie, mit Hilfe der Nazibewegung den Nationalstaat zu zerstören; aber dies war ein Pyrrhussieg, denn der Mob beweist sehr schnell, dass er willens und fähig ist, selbst zu regieren, und entmachtete die Bourgeoisie zusammen mit allen anderen Klassen und staatlichen Institutionen.“ (218) Arendt reproduziert hier auch gleich noch die Legenden über die Entmachtung der Bourgeoisie durch den Faschismus mit. Wie dieses Verhältnis in Nazideutschland und im Krieg tatsächlich war, kann man vor allem bei Kurt Gossweiler und Dietrich Eichholtz studieren.) Daher muss sie sich Lenins Schlussfolgerung verweigern, dass der Imperialismus politisch Drang nach Herrschaft statt Freiheit, dass er Reaktion auf der ganzen Linie, Untergrabung der Demokratie ist. Aber statt vom Zerfall der bürgerlichen Demokratie zu schreiben, schwenkt sie rückwärtsgewandt die Fahne eines Nationalstaats, den es so nur in der Einbildung von Arendt gegeben hat.

Ein „Höhepunkt“ ihrer Ausführungen zu Imperialismus und Nationalstaat im Folgenden:

Die Eigentümer überflüssigen Kapitals waren innerhalb dieser Klasse (der Bourgeoisie, – d. V.) die erste Gruppe, die auf Profit aus war, ohne eine gesellschaftliche Funktion auszufüllen, und die daher keine Polizei auf die Dauer vor dem Volkszorn, der sich schwerlich gegen Reichtum und Macht als solche, wohl aber gegen nutzlosen Reichtum und zur Schau getragene Macht richtet, hätte schützen können.

Expansion als ein Mittel der Politik aber ging die ganze Nation und nicht nur die Eigentümer überflüssigen Kapitals an. Wichtiger fast noch als die Sicherung der Profitrate war die Wiedereingliederung dieser Eigentümer in den nationalen Körper (Oh weh, Imperialismus als Resozialisierungsprogramm der Finanzoligarchie!! – d.V.). Der Imperialismus rettete die Bourgeoisie davor, parasitär (! – d.V.) zu werden, und verhalf ihr dazu, gerade in dem Augenblick eine Rolle zu spielen, als ihr Besitzbegriff sich als überaltert herausgestellt hatte, weil ihr Reichtum in der nationalen Produktion nicht mehr gebraucht werden konnte und sie so mit dem Produktionsideal einer Gesellschaft in Konflikt geraten war, an dem alles andere gemessen wurde.” (257)

Man vergleiche mit diesem Gequassel die erhellenden Ausführungen Lenins (in Kapitel 8) in seinem Werk zum Imperialismus, das mit „Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus“ überschrieben ist, wo er die Tendenzen zu Stagnation aus dem Monopolisierungsprozess selbst herleitet, die Herausbildung von Rentiers und von Wucherstaaten beschreibt usw. Arendt aber meint, dass der Imperialismus die Bourgeoisie davor rettet, parasitär zu werden. Worauf es dagegen Lenin ankommt, ist, den Nachweis zu führen, dass der Imperialismus die „Tendenz hat auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der großen Masse des Proletariats abzusondern.“ (LW 22, S. 288)

Die Rolle von Arbeiteraristokratie und Sozialdemokratismus ausgeblendet

Arendt schreckt konsequent davor zurück, auf diese entscheidende Wirkung nach Innen, auf die Herausbildung einer durch den Imperialismus gekauften Oberschicht der Arbeiterklasse als materielle Basis für den Opportunismus und Revisionismus, durchzustoßen. Dass dieser Opportunismus sich entgegen allen Beschlüssen der internationalen organisierten Arbeiterbewegung durchsetzte und die Arbeiterklasse wehrlos und damit zum Schlachtvieh für den 1. Weltkrieg machte, „vergisst“ Arendt. Und: Dass der Opportunismus der sozialdemokratischen Führung auch noch ausreichte, um die sozialistische Revolution in Deutschland zu verhindern. So wurde aus der halben Revolution der ganze Sieg des Faschismus (Clara Zetkin). Dadurch kam auch die Revolution in Russland unter massiven Druck.

Und es begann das unsägliche Leid des von 14 ausländischen Mächten geschürten, geführten und bezahlten Bürgerkriegs zum Sturz der Räte-Herrschaft in Russland. Und: die damit und darüber hinaus notwendig gewordenen Terror- und Selbst­behauptungsmaß­nahmen der Sowjetunion und der KPdSU (B). Alles kein Thema für Hannah Arendt. Genauso wenig werden die Versuche der UdSSR erwähnt, die Isolation zu durchbrechen wie den Beitritt zum Völkerbund, als Nazi-Deutschland dort austritt (1934), auf das Bündnis mit Frankreich (1934), auf die Anstrengungen für ein System der kollektiven Sicherheit in Europa gegen die Aggressivität der faschistischen Staaten, auf die Anstrengungen um ein Bündnis mit England 1939. Und die maßlose Aufrüstung der Nazis, der Vierjahrplan (1936) und der Antikominternpakt mit Japan (1936) und Italien (1937), die direkt auf die Sowjetunion gemünzt waren; und die Bedrohung im Osten: der Überfall Japans auf China 1937 und der Angriff in Armeestärke auf die Sowjetunion am Chassansee (1938) und die Schlacht am Chalchin Gol (22. August 1939 – immerhin zwei Tage vor dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts!). Gänzlich von Arendt ausgeblendet wird die Appeasement-Politik der Westmächte mit ihrem Höhepunkt im Münchner Abkommen 1938, was nichts Anderes war als die Vorgabe an den deutschen Imperialismus, sich doch gefälligst auf die UdSSR zu stürzen.

Klassenkampf – Rassenkampf – Alles das Gleiche?

Aber während Lenin auf die Entstehung der Arbeiteraristokratie hinweist, hält er völlig zu Recht an der Existenz der Arbeiterklasse fest, deren Wachstum bis heute im Weltmaßstab und nicht zuletzt in den sozialistischen Ländern ungebrochen ist. Aber die faktenresistente Hannah Arendt muss am „Untergang der Klassengesellschaft“ festhalten und sieht schließlich nur noch „Mob“. (Fussnote: Dabei hat sie Manches schon besser gewusst, aber im Fortgang „vergessen“: „Was die mit dem reinen Phänomen traurig beschäftigten Historiker nicht sahen, war, dass der Mob nicht mit der wachsenden Industriearbeiterschaft und gewiss nicht mit dem Volk in seinen unteren Schichten zu identifizieren war, sondern dass er sich von vorneherein aus den Abfällen sämtlicher Klassen und Schichten zusammensetzte. Gerade darum konnte es scheinen, als seien in ihm alle Klassenscheidungen aufgehoben und als sei er, der außerhalb der in Klassen gespaltenen Nation stand, das verlorengegangene Volk – die ‚Volksgemeinschaft’ in der Sprache der Nazis. In Wahrheit ist er genau dessen Wider- und Zerrbild.“ (264))

Aber was Arendt darf, wird anderen zum Verhängnis. So wird Stalin zitiert, als er von „sterbenden Klassen“ in der Sowjetunion spricht. Das wird gleich mit der Rassenideologie der Nazis auf eine Stufe gestellt, wenn die von minderwertigen Rassen sprechen.

Es ist gleichgültig, ob ,geschichtliche Gesetze’ die Klassen oder ihre Vertreter ,absterben’ lassen oder ob ,Naturgesetze’ alle die, welche ohnehin nicht ,lebensfähig’ sind – Demokraten, Juden, östliche Untermenschen, unheilbare Kranke ,ausmerzen’.” (557)

Die Theorie von Klasse und Klassenkampf wird von Arendt auf die gleiche Stufe gestellt wie das Hetzkonstrukt von Rasse und Rassenkampf. Als ob die Eroberungszüge der Neuzeit angezettelt gewesen wären, um die farbigen Rassen auszurotten, statt um des Goldes und des Profits willen. Als ob die Sowjetunion überfallen worden wäre, um Juden und Slawen auszurotten, statt um dieses Gebiet wieder dem Regime von Kapital und Profit zu unterwerfen. Aber was sind schon Tatsachen, wenn es um Totalitarismus geht ...

Marxismus – eine Nummer zu groß für Hannah Arendt

Das kommt dabei heraus, wenn der Kapitalismus/Imperialismus als Totalität gesetzt wird, ohne auf ihren Niedergang, auf ihr Sterben hinzuweisen (das macht Arendt nur in ausgeprägtem Fortschrittspessimismus) und vor allem auf die Überwindbarkeit. Da müsste sie ja ans Eingemachte gehen, an die Frage des Privateigentums (vor allem der Produktionsmittel) als den Dreh- und Angelpunkt von Wirtschaft und Politik.

Wesentlicher war, dass der Imperialismus das erste Phänomen war, dem gegenüber die marxistische Theorie der Wirtschaft versagte. Denn für den Marxismus war das neue Bündnis zwischen Mob und Kapital so unnatürlich, schlug so sehr der Lehre vom Klassenkampf ins Gesicht, dass die unmittelbaren Gefahren des imperialistischen Experiments, sein Versuch, die Menschheit in Herren- und Sklavenrassen, in farbige und weiße Völker zu teilen und das in Klassen gespaltene Volk auf der Basis der Weltanschauung des Mob zu einigen, gar nicht zur Kenntnis genommen wurden.” (259)

Wie wichtigtuerisch und arm an Kenntnissen! Denn der Marxismus hat eine lange und treffende Debatte über die Entwicklung hin zum Imperialismus. Sie ist mit den letzten Beiträgen von Engels anzusetzen (1890 ff.) und kulminiert in den Arbeiten von Luxemburg, Hilferding und schließlich Lenin. Mit den Entwicklungen der Degeneration von Klassen, der Deklassierung, der Zersetzung der Schichten zwischen Bourgeoisie und Proletariat, mit einzelnen Schichten wie den Handwerkern und Bauern, aber auch den Zerfallsprodukten wie dem Lumpenproletariat usw. setzen sich Marx und Engels in zahlreichen Schriften und Briefen auseinander. Mit den Fragen des Rassismus und Antisemitismus ist Engels schon befasst, dann Kautsky, Lenin usw. Und praktisch: Die ganze damals noch revolutionäre Sozialdemokratie, die sich noch vor dem 1. Weltkrieg zur stärksten Partei im deutschen Reichstag entwickelt hatte, kämpfte gegen Kolonialismus und die imperialen Interventionen des sich entwickelnden deutschen Imperialismus. Aber Hannah Arendt:

Es ist immerhin merkwürdig, dass es nie eine wirklich populäre Opposition gegen imperialistische Politik gegeben hat.” (260)

Direkt aus der Fälscherwerkstatt

Wie fälschend mit Fakten H.A. vorgeht, um ihre Gleichsetzung von Kommunisten und Nazis zu „beweisen“, zeigt ihre Abhandlung zum Präsidentschaftswahlkampf 1932 (419 f.). Damals hätten die Nazis plakatiert: „,Wer Thälmann wählt, wählt Hindenburg’ und die Kommunisten antworteten: ‚Wer Hitler wählt, wählt Hindenburg.’” (420) Man weiß, was die KPD wirklich und treffend antwortete: Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg! Bei diesen Verdrehungen darf der Hinweis auf den Berliner Verkehrsarbeiterstreik 1932 mit seiner angeblichen Zusammenarbeit von Kommunisten und Nazis nicht fehlen.

Immerhin warnt Hannah Arendt vor dem Antikommunismus. Aber wie schwach ihre Fähigkeit und ihr Wille zu differenzieren ausgeprägt sind, dazu lese man das Folgende:

Denn es erleichtert nicht gerade die Lösung der Probleme, dass uns die Ära des Kalten Krieges eine offizielle ,Gegenideologie’ hinterlassen hat, den Antikommunismus, welcher gleichfalls dazu neigt, einen Anspruch auf Weltherrschaft zu entwickeln und uns dazu verleitet, nun unsererseits einer Fiktion nachzuhängen; denn er verbietet es uns prinzipiell, die verschiedenen kommunistischen Einparteiendiktaturen, denen wir in der Realität gegenüberstehen, von einem echten totalitären System zu unterscheiden, wie es sich in China, wenn auch in einer neuen Form, herausbilden könnte. Natürlich geht es hier nicht einfach darum, dass das kommunistische Russland mit dem kommunistischen China nicht in jeder Hinsicht identisch ist, so wenig wie es Stalins Russland mit Hitlers Deutschland war (!!d.V.). So spielten etwa Alkoholismus und Mangel an Sachkunde, Faktoren, die sich in jeder Beschreibung Russlands aus den zwanziger oder dreißiger Jahren so deutlich abzeichnen und noch heute weit verbreitet sind, in der Geschichte Nazideutschlands nicht die geringste Rolle, wohingegen die unbeschreibliche Grausamkeit in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern den russischen Lagern weitgehend gefehlt hat.” (478 f.)

Da fehlen einem doch die Worte. Nazideutschland und Sowjetunion unterscheiden sich durch Alkoholismus und Grausamkeit.

Auch über die Zahl der Opfer in der Sowjetunion „unter Stalin“ (Fussnote: Dies ist eine Formulierung, die Stalin Allmacht zuschreibt, was genau verhindert, die damaligen Vorgänge zu verstehen und aus ihnen zu lernen – was im Übrigen auch nicht die Absicht der Totalitaristen ist.) lässt sich Arendt an verschiedenen Stellen ihres Buches aus. Doch dann das Eingeständnis: „Während man schon immer wusste, dass sowjetische Veröffentlichungen Propagandazwecken dienen und äußerst unzuverlässig sind, hat es jetzt auch den Anschein, als hätten zuverlässige Quellen und Statistiken an keiner Stelle jemals existiert.” (476)

Keine zuverlässigen Quellen und Statistiken, aber entsetzliche Anklagen erheben! Da lernt man das Sprichwort erst richtig schätzen: Si tacuisses, philosophus mansisses! (Fussnote: Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du Philosoph geblieben! – Und noch ein Schmankerl: „Es lag in der Tat ganz auf der Linie der totalitären Verachtung für Fakten und Realitäten, dass alle Zahlen dieser Art nicht etwa aus allen vier Ecken des riesigen Territoriums nach Moskau flossen und dort gesammelt wurden, sondern umgekehrt den jeweiligen Gebieten erst durch die Veröffentlichung in der Prawda oder Iswestija oder sonst einem offiziellen Moskauer Organ bekanntgemacht wurden, so dass jedes Gebiet und jeder Bezirk der Sowjetunion seine amtlichen fiktiven statistischen Daten in weitgehend derselben Weise zugeteilt bekam wie die nicht weniger fiktiven Normen, die ihm der Fünfjahresplan zudiktierte.“ (484 f.) Nur merkwürdig, dass mit solchen Plänen ein Potenzial aufgebaut wurde, an dem die Nazi-Wehrmacht zerbrach.)

Philosophischer Offenbarungseid

Als besonderen Pflasterstein auf dem Weg in den Totalitarismus stellt Arendt das „ideologische Denken“ dar.

Es (ideologisches Denken – d.V.) emanzipiert sich also von der Wirklichkeit, so wie sie uns in unseren fünf Sinnen gegeben ist, und besteht ihr gegenüber auf einer eigentlicheren Realität, die sich hinter diesem Gegebenen verberge, es aus dem Verborgenen beherrsche, und die wahrzunehmen wir einen sechsten Sinn benötigen.” (719)

Das ist nicht viel mehr als die Verneigung vor der Armseligkeit des Yankee-Pragmatismus, der es ablehnt, dass hinter Sein und Schein ein Wesen existieren kann, das sich nicht durch Augenschein und „fünf Sinne“, sondern durch wissenschaftliches Erforschen erschließt. Demnach drehte sich die Sonne immer noch um die Erde.

Arendt möchte allen Gesetzmäßigkeiten auskommen, da wird sie rabiat, fast „totalitär“ in ihrem Sinn.

Dem, was faktisch geschieht, kommt ideologisches Denken dadurch bei, dass es aus einer als sicher angenommenen Prämisse nun mit absoluter Folgerichtigkeit – und das heißt natürlich mit einer Stimmigkeit, wie sie in der Wirklichkeit nie anzutreffen ist – alles weitere deduziert. Das Deduzieren kann einfach logisch oder auch dialektisch von statten gehen; in beiden Fällen handelt es sich um einen gesetzmäßig verlaufenden Argumentationsprozess, der als Prozessdenken imstande sein soll, die Bewegungen der übermenschlichen, natürlichen oder geschichtlichen Prozesse einzusehen. Einsicht vollzieht sich hier dadurch, dass der Verstand im logischen oder dialektischen Prozess die Gesetze angeblich wissenschaftlich festgestellter Bewegungen nachahmt und in der Nachahmung sich ihnen einfügt.” (719)

Das Deduzieren (also das Schließen vom Allgemeinen auf das Besondere) als Weg direkt zum Faschismus. Da gilt keine Dialektik von Zufall und Notwendigkeit mehr. Weg mit den Unvermeidlichkeiten, Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten, scheint uns Arendt zurufen zu wollen.

Marxisten haben stets daran festgehalten, dass die menschliche Praxis zu Erkenntnissen wie z.B. Gesetzmäßigkeiten führt, dass die Erkenntnisse wieder in der Praxis eingesetzt, also deduziert, und im Produktionskampf, im Klassenkampf und im wissenschaftlichen Experiment überprüft werden. Daraus können dann neue Erkenntnisse wachsen usw. Denn: die Wahrheit ist immer konkret. Aber der Marxist darf denken und sagen, was er will, vor Hannah Arendt wird er keine Gnade finden.

Zwar droht gesetzmäßig (?) die Selbstzerstörung ihrer Welt, aber sie kann nicht enden.

Dennoch ist die organisierte Verlassenheit erheblich bedrohlicher als die unorganisierte Ohnmacht aller, über die der tyrannisch-willkürliche Wille eines einzelnen herrscht. Ihre Gefahr ist, dass sie die uns bekannte Welt, die überall an ein Ende zu geraten scheint, zu verwüsten droht, bevor wir die Zeit gehabt haben aus diesem Ende einen neuen Anfang erstehen zu sehen, der an sich in jedem Ende liegt, ja, der das eigentliche Versprechen des Endes an uns ist. ,Initium ut esset, creatus est homo –, damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen’, sagt Augustin. Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.” (732)

Damit ist Arendt bei ihren eigenen Anfängen. Das ist zwar besser als altgermanische Untergangsszenarien, aber setzt letztlich auf die Ohnmacht und Wehrlosigkeit, symbolisiert im Kind. Und mit der angeblichen Wehrlosigkeit wird letztlich die Unveränderbarkeit des Bestehenden und die Nutzlosigkeit des Kampfs dagegen suggeriert. Das können sich aber nur die Reichen und Privilegierten leisten und ein paar Intellektuelle, die sich die herrschende Klasse mästet.

Der schale Charme der Hannah Arendt

Es ist die linke Diktion, der implizite Bezug auf Marx oder Lenin, ohne sie zu nennen, womit Arendt Linke anfüttert, um sie an den Haken ihrer Totalitarismusdoktrin zu bekommen. Dann werden die Schrecken des Faschismus vor allem aus seiner Ideologie, weniger aus den Interessen des Kapitals abgeleitet, dann wird der Sozialismus in seiner siegreichen Form, die untrennbar mit dem Namen Stalin verbunden ist, dem Faschismus gleichgesetzt. Und fertig ist die Botschaft: Lasst das revolutionäre Aufbegehren gegen das kapitalistische System, es wird bei Stalin enden. Dazu muss sie den Arbeiterführer Stalin zum Dämon aufblasen, um ihn vergleichbar zu machen mit dem Reichswehrspitzel Hitler. Denn verdunkelt soll bleiben, dass der Weltimperialismus den deutschen faschistischen Imperialismus als Speerspitze ausersehen hatte, um den ersten Arbeiterstaat der Welt zu vernichten und sein Andenken für alle Zeiten auszulöschen. Verdunkelt soll bleiben, dass die Arbeiter siegen können, wenn sie die entscheidende Waffe schmieden, die sie gegen die scheinbar Allmächtigen haben: ihre Klassenorganisation. Aber wie heißt es im Arbeiterlied: „...Vorwärts zum Lichte empor!“

AG Totalitarismus: Corell, Karlchen, Stephan Müller, Rosa