KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Der Erste Weltkrieg

Ausdruck der Epoche der imperialistischen Raubkriege und der sozialen Revolutionen

Jeder Tag bringt neue Schrecken der Kriegsfurie in der Ukraine, in Palästina, im Irak. Das sind nur die Kriege, die die bürgerlichen Medien gerade für würdig befinden, zu filmen und zu kommentieren. Somalia, Mali, Libyen, Sudan, Kongo, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Indien – wer zählt die Konflikte noch? Vertreibung, Tod, Elend.

Dieses Zeitalter der Kriege hat im 1. Weltkrieg seinen Ausgangspunkt. Die Welt war 1914 vollständig unter eine Handvoll Großmächte aufgeteilt. Es waren Großmächte, in denen die Bourgeoisie herrschte. Es war die Bourgeoisie, die das Volk unter der Losung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gegen die Feudalherrschaft geführt hatte und das Zeitalter der bürgerlichen Weltrevolution 1649/88 in England, 1776 in den USA und 1789 in Frankreich eingeläutet hatte. Nach Absatzmärkten, nach Rohstoffen und besseren Verwertungsbedingungen, sprich Profit, verlangte diese Klasse, und danach hatte der von ihr geschaffene Staatsapparat zu tanzen, die Beamten, die Militärs, die Politiker. Innerhalb von hundert Jahren wurden die Produktivkräfte in ungeahntem Ausmaß entwickelt, die Industrie bahnte sich in Riesenschritten den Weg, Eisenbahnen, Dampfschiffe stellten die Verbindungen zwischen Ländern und Kontinenten her. Doch die fortschrittliche Rolle, die die Bourgeoisie gespielt hatte (auch wenn sie stets von der Ausbeutung der Arbeitskraft lebt), begann sich in ihr Gegenteil zu verkehren. Seit 1848 suchte sie verstärkt das Bündnis mit dem Adel, um die Arbeiterklasse niederzuhalten. Aus der Freiheit der starken kapitalistischen Länder wurde bald die Unfreiheit der versklavten und kolonialisierten Länder, aus der Gleichheit der Bürger wurde die scharfe Trennung und tiefer werdende Kluft von Arm und Reich, aus der Brüderlichkeit wurde die Unterdrückung des Proletariats.

Aus der Freiheit der Konkurrenz entstanden Riesenunternehmen, die die Märkte für sich monopolisierten, aus der Gleichheit unter den Bourgeois wuchsen Großbourgeois heraus, mauserten sich zur Monopolbourgeoisie, aus der Menschheitsverbrüderung entstanden imperialistische Großmächte und aus den verbrüderten Bourgeois wurden Kartelle, Syndikate, Unternehmerverbände.

Am Vorabend des 1. Weltkriegs war die Welt unter die Großmächte vollständig aufgeteilt, aber die Gesetzmäßigkeit der Kapitalakkumulation, die die Bourgeoisie zur Umkrempelung der Welt gedrängt hatte, war bestimmend für die weitere Entwicklung. Profit, mehr Kapital, mehr Profit, mehr Profit … – woher nehmen in einer endlichen Welt? Und überall saß schon ein anderer Imperialist auf den Rohstoffen, den Einflusssphären. Die Situation drängte nach einer Neuaufteilung der Welt, nach Platz für die später aufgetauchten Großmächte, den die alten imperialistischen Großmächte nicht preisgeben wollten und konnten. Also Krieg zwischen den Großmächten. Statt Zivilisation Barbarei, statt Aufbau Vernichtung, statt Entwicklung der Produktivkräfte Entwicklung der Destruktivkräfte, statt Demokratie Befehl und Gehorsam.

Das war der Epochenbruch, der das Ende der historischen Mission der Bourgeoisie ankündigte, das Ende der bürgerlichen und den Beginn der proletarischen Weltrevolution.

Der folgende Artikel will ausgehend von diesem Wandel und ausgehend vom Beginn des 1. Weltkriegs den Blick schärfen für die Kriegsursachen heute. Damit wir uns nicht verhetzen lassen, sondern auf der richtigen Seite, mit den richtigen Mitteln und mit den richtigen Verbündeten gegen den wirklichen Feind eingreifen können.

Der österreichische Literat Karl Kraus hat in seinem Opus Die letzten Tage der Menschheit den „Ungeist“ eingefangen, der Europa anfangs des 20. Jahrhunderts scheinbar befallen hatte. Es ist eine Sammlung von szenischen Kommentaren, die Kraus großteils aus Zeitungstiteln montiert hatte, wobei die grellsten Texte Zitate sind. Der Titel besagt alles: Absturz aller Werte, die vorher zum Kanon der bürgerlichen Zivilisation zählten, wie Menschlichkeit, Moral, Völkerrecht. Mit Beginn des 1. Weltkriegs wütete für 4 Jahre ein bis dahin beispielloses Massenmorden, dem Millionen zum Opfer fielen und das mit dem Einsatz von Giftgas einen Höhepunkt der Barbarei erreichte. Sieht man nur die Geschichten, die man sich in der etablierten Geschichtsschreibung über diese Ereignisse anlesen kann und mit denen bürgerliche Experten eine „gefrorene“ Historie umhüllen, ist man zunächst einmal fassungslos über all die Erscheinungen von Massenwahn, Chauvinismus, Kriegshetze und deren Ergebnis – gesellschaftliche, soziale und moralische Verelendung und ein bis dahin beispielloses Ausmaß an Zerstörung.

In diesen Tagen herrscht in der deutschsprachigen Monopolpresse russophobe Hysterie. Vieles erinnert an „Wer Kiew hat, kann Russland zwingen“, wie es 1897 bei einem damals einflussreichen deutschen Publizisten (Fussnote: 1897 schrieb Paul Rohrbach, einer der führenden außenpolitischen Publizisten seiner Zeit, in seinem Artikel „Durch die Ukraine“ leitmotivisch: „Wenn der Tag kommt, wo Russland das Schicksal herausfordert, dann, ja dann könnte Russland zertrümmert werden. Wer Kiew hat, kann Russland zwingen!“) hieß. Am Karfreitag wurde in der ARD der unsägliche Streifen „Die Männer der Emden“ (Fussnote: Wikipedia: Die SMS Emden war ein Kleiner Kreuzer der deutschen Kaiserlichen Marine. Sie war nach der gleichnamigen Stadt Emden benannt und das zweite Schiff der Dresden-Klasse. Ihr Einsatzgebiet lag überwiegend im Fernen Osten. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Emden zum selbständigen Handelskrieg in den Indischen Ozean entsandt. Dort versenkte sie innerhalb von zwei Monaten 23 feindliche Handelsschiffe und zwei Kriegsschiffe oder brachte sie auf. Am 9. November 1914 unterlag sie in einem Gefecht mit dem australischen Kreuzer Sydney nahe den Kokosinseln. Die Emden war der erfolgreichste deutsche Kreuzer in überseeischen Gewässern und gehört zu den bekanntesten Kriegsschiffen der Kaiserlichen Marine.) als eine deutsche Heldensage so dargeboten, wie sie schon in der Weimarer Republik und im Faschismus in Jugendbüchern erzählt worden war. Jeder „echte deutsche Junge“ kannte damals den Namen des Schiffes und den seines Kommandanten.

Gleichzeitig reduziert Bundespräsident Gauck die Ursachen für den „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges in seiner Ansprache während einer Gedenkveranstaltung in Lüttich am 4. August 2014 auf einen „Kampf der Kulturen“, den zu verhindern eine Verpflichtung unserer „Zivilgesellschaft“ darstelle – auch unter Einsatz militärischer Mittel, kann und muss aufgrund seiner früheren Aussagen dazu gedacht werden. Für den, der sich jetzt an die Debatten über den „politischen Islam“ und die unsägliche Integrations- und Leitkulturdiskussion erinnert fühlt, gilt interessengemäß das Sprichwort: „Honi soit, qui mal y pense.“ (Fussnote: Altfranzösisch, wörtlich „Beschämt sei, wer schlecht darüber denkt“. Eine häufige deutschsprachige Übersetzung lautet „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“.)

Viel geändert hat sich offenbar nicht. Tote und Massaker sind in Berlin, Washington und anderen Hauptstädten wieder politisch einkalkuliert. Die Feldzüge in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien und anderswo haben Kriege in der „westlichen Wertegemeinschaft“ zu einem Gewohnheitsverbrechen gemacht. Die Formel „Militarisierung der Außenpolitik“ verdrängt dabei eher die Ursachen, als sie zu benennen. Verdrängung von Kriegsursachen dominiert auch das offizielle und publizistische Erinnern an die Anzettelung des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Ein Zufall ist das nicht.

Die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sind in mehrfacher Hinsicht Jahrzehnte des Übergangs. In ökonomischer Hinsicht vollzog sich in diesen Jahrzehnten der Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum monopolistischen Kapitalismus der imperialistischen Epoche. Durch die Annexion Elsaß-Lothringens und durch eine Kontribution von fünf Milliarden Goldfrancs, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1870/71 auferlegt wurde, gestärkt, von innerdeutschen Zollschranken und Ländergrenzen befreit, trat die deutsche Wirtschaft in die kurze Hochkonjunktur der „Gründerjahre“ ein, die noch im Wesentlichen im Zeichen der freien Konkurrenz stand. In der Form der Aktiengesellschaften für die Neugründung von Unternehmen, die sich nun allgemein verbreitete, begann der Übergang zum Monopolkapitalismus. 1873 folgten den Gründerjahren die Gründerkrise und der Gründerkrach. Die Tiefe dieser Krise und die Dauer der Depressionsperiode, die ihr folgte, waren neue Erscheinungen: Die Krise beschleunigte sprunghaft die Konzentration und Zentralisation des Kapitals in einem bis dahin unbekannten Ausmaß und in der Wirtschaftspolitik begann die Abkehr von den liberalen Methoden des Freihandels und der freien Konkurrenz. Die bürgerliche Gesellschaft ging national wie international über in die Epoche ihrer voll entwickelten Herrschaft ebenso wie in die ihres beginnenden allgemeinen Niedergangs.

Es beginnt eine Epoche, eine Zeit, in der kapitalistische Großbetriebe zu Konzernen und Trusts zusammenwachsen, die Welt zwischen einigen Großmächten aufgeteilt wird und diese Aufteilung schließlich im Wesentlichen vollendet ist. In dieser Phase führt die Bourgeoisie der Großmächte nicht mehr Kriege, um ihren nationalen staatlichen Zusammenschluss zu erreichen oder zu verteidigen, sondern um die Unabhängigkeit anderer Nationen, anderer Völker zu vernichten. Die Serie von Kolonialkriegen, die der deutsche Imperialismus in den achtziger, der amerikanische in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt, die Unterwerfung Afrikas und Südostasiens durch die britischen und französischen Imperialisten, Englands Raubkrieg gegen die Buren, die gemeinsame Aktion der Großmächte zur Aufteilung Chinas – all dies sind imperialistische Raubkriege. Auf dem Balkan, in Marokko, der Türkei und Persien begegnen sich die Großmächte selbst in Konflikten, in denen es um die Neuaufteilung der Welt geht, die dann durch den ersten Weltkrieg herbeigeführt wird.

„Die Epoche 1789 bis 1871 war die des fortschrittlichen Kapitalismus, als auf der Tagesordnung der Geschichte die Niederringung des Feudalismus, des Absolutismus, die Abschüttelung des fremden Joches stand. Auf diesem Boden und nur auf diesem war die ‚Vaterlandsverteidigung‘ zulässig, d. h. eine Verteidigung gegen die Unterdrückung. Im Kriege gegen die imperialistischen Großmächte könnte dieser Begriff auch jetzt angewandt werden, aber es ist eine Absurdität, ihn auf den Krieg zwischen den imperialistischen Großmächten anzuwenden, auf einen Krieg, in dem es darum geht, wer mehr die Balkanländer, Kleinasien usw. ausplündern kann.“ (Fussnote: W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. I, Dietz Verlag Berlin 1951, S. 756 f.)

„Für neun Zehntel der Bevölkerung der fortgeschrittenen Länder, für Hunderte von Millionen Menschen in den Kolonien und zurückgebliebenen Ländern war dies eine Epoche nicht des ,Friedens’, sondern der Unterdrückung, der Qual, des Schreckens – eines Schreckens, der vielleicht um so fürchterlicher war, als er ein ‚Schrecken ohne Ende’ zu sein schien. Diese Epoche ist nun unwiderruflich vorüber, sie ist abgelöst worden von einer Epoche verhältnismäßig viel stürmischeren, sprunghafteren, katastrophaleren, konfliktreicheren Charakters, in der für die Masse der Bevölkerung nicht so sehr der ,Schrecken ohne Ende’ als vielmehr das ,Ende mit Schrecken’ typisch wird.“ (Fussnote: LW Bd. 22, S. 102 f. Vorwort zu N. Bucharins Broschüre „Weltwirtschaft und Imperialismus“.)

Erster Auftakt: Kommunistisches Manifest und proletarischer Internationalismus

Das kommunistische Manifest datiert 66 Jahre vor Beginn des 1. Weltkriegs. Für die Gründer des wissenschaftlichen Marxismus war damals schon klar: „Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz. (Fussnote: MEW Bd. 4, S. 470, Manifest der Kommunistischen Partei.) Und es gibt keine Befreiung des Proletariats vom Joch des Kapitalismus ohne Internationalismus. Im ersten Druck trägt das Manifest, das im Februar 1848 als Programm des Bunds der Kommunisten herausgegeben wurde, den Aufruf zur Vereinigung aller Proletarier. Wie dies im Einzelnen zu geschehen hatte, konnten erst die nachfolgenden Geschichtsabläufe erkennen lassen. Einige Grundsätze über das Verhältnis von Nationalstaat und Internationalismus werden dennoch dargestellt. Im Manifest heißt es: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muss natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.“ (Fussnote: Ebenda, S. 473.)

Das Manifest war eine aufrüttelnde Deklaration der Prinzipien des proletarischen Internationalismus und erläuterte Weg und Ziele der proletarischen Bewegung. Und in ihm wurde der universelle Charakter der von Marx/Engels entdeckten Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung dargestellt und erläutert.

Historisch und philosophisch erläutert werden vor allem die wichtigen Thesen

– von der Gemeinsamkeit des historischen Schicksals der Werktätigen aller Länder,

– von den in den Hauptmerkmalen gleichen Bedingungen der Existenz und der Befreiung des Proletariats trotz aller nationaler Besonderheiten.

Im Kampf gegen die eigene Bourgeoisie wird das Proletariat, auf dem Weg der ökonomischen Klasse „an sich“ zur bewussten Klasse „für sich“, sowohl zur führenden Kraft der Nation als auch zu einer eigenständigen Kraft in Form der kommunistischen Klassenpartei.

Der internationalen Bourgeoisie müssen alle nationalen kommunistischen Parteien zumindest in den „zivilisierten“, am meisten entwickelten kapitalistischen Ländern als eine geschlossene internationale revolutionäre Kraft entgegentreten.

Nicht Gottes unerforschlicher Ratschluss, nicht ein mehr oder weniger gnädiges Schicksal und auch nicht der banale Zufall bestimmen gesellschaftliche Entwicklungen. Sondern historische Prozesse werden von Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die zu erforschen und die zu berücksichtigen sind, wenn ein bestimmtes Ergebnis erreicht werden soll.

Zweiter Auftakt: Die Pariser Kommune

Die sich grundlegend verändernden Bedingungen wurden im Frühjahr 1871 durch ein Ereignis sichtbar, die Pariser Kommune. Auf sich allein gestellt, ohne unmittelbar wirksame auswärtige Unterstützung, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, entwickelte das Pariser Proletariat eine neue Staatsform für die Bewältigung der Aufgaben der Verwaltung und Verteidigung der Stadt, die durch die deutschen Heere eingeschlossen war. Der Rat der Kommune, der aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen war, vereinigte exekutive und legislative Gewalt. An die Stelle des stehenden Heeres trat die allgemeine Volksbewaffnung. Die vom Volk gewählten Vertreter, die an die Stelle der bisherigen Beamten und Richter traten, waren an bestimmte Instruktionen gebunden und jederzeit absetzbar. Es wurde versucht, die Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung zu verbessern, die Kommune leitete Maßnahmen ein, um den Frauen politische und soziale Gleichberechtigung zu verschaffen, und die von ihren Besitzern verlassenen oder geschlossenen Fabriken wurden durch Arbeitergenossenschaften übernommen.

Aus dieser frühproletarischen Revolution erwuchsen zum ersten Male die wesentlichen Merkmale der sozialistischen Demokratie. Mochte die Kommune auch bereits am 28. Mai mit der ganzen Brutalität, die die triumphierende Reaktion bis dahin entwickelt hatte, niedergeworfen werden (30.000 Kommunarden wurden ermordet), mochte die Kommune auch noch nicht über eine einheitliche, allen theoretisch-ideologischen Aufgaben gewachsene, zielsichere Führung verfügen – tatsächlich war hier doch „ein neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit“ (Karl Marx) erreicht. Im Zusammenhang des internationalen Klassenkampfes beurteilt, drückte sie „das unbestimmte Verlangen aus nach einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft selbst“. (Fussnote: MEW Bd. 17, S. 338, Der Bürgerkrieg in Frankreich.)

Mit dem Ende des deutsch-französischen Krieges 1871 ist die Entwicklung an der Schwelle jener Zeit angelangt, in der durch den Beginn der imperialisti­schen Phase des Kapitalismus die Herausbildung von Nationen, die „nationale Frage“, in einem anderen Licht erscheint. Marx schlussfolgerte in der Adresse des Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich 1871 nach Bismarcks Hilfe bei der Niederschlagung der Pariser Kommune:

Dass nach dem gewaltigsten Krieg der neuern Zeit die siegreiche und die besiegte Armee sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des Proletariats – ein so unerhörtes Ereignis beweist, nicht wie Bismarck glaubt, die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen Gesellschaft, sondern die vollständige Zerbröcklung der alten Bourgeoisgesellschaft. Der höchste heroische Aufschwung, dessen die alte Gesellschaft noch fähig war, ist der Nationalkrieg, und dieser erweist sich jetzt als reiner Regierungsschwindel, der keinen andern Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der beiseite fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die Klassenherrschaft ist nicht länger imstande, sich unter einer nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins gegenüber dem Proletariat! (Fussnote: Ebenda, S. 360 f.)

Dritter Auftakt: Lenin über den Imperialismus und die Frage von Krieg und Frieden am Vorabend der ersten sozialistischen Revolution

Diese Schrift ist einer der wichtigsten Klassiker des Marxismus. Sie ist auch aus der kritischen Auseinandersetzung mit den ideologischen Vertretern des Bürgertums entstanden. Das gerne anstelle von Lenins Arbeiten zitierte Buch „Das Finanzkapital“ von Rudolf Hilferding (1910) hat dabei ebenso wertvolle Beiträge geliefert, wie es in entscheidenden Punkten zur Verfälschung beigetragen hat. Die Entstehung und Bildung des Finanzkapitals stellt Hilferding verfälschend als einen Prozess dar, wie aus den Zirkulationsvorgängen selbst jene Macht erwachsen soll, die in der Form des kapitalistischen Kredits schließlich die ökonomische Vorherrschaft über alle gesellschaftlichen Vorgänge begründet.

Diese Verlegung des Primats der Produktion in die Zirkulation bedeutete die Untergrabung des Eckpfeilers der ökonomischen Erkenntnisse von Marx: der Theorie vom Mehrwert, der im Zirkulationsprozess nur realisiert und verteilt wird, während er im Produktionsprozess auf dem Wege der Ausbeutung der Arbeitskraft gebildet wird. Hilferding trug so dazu bei, die Widersprüche zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie zu beschönigen. Im Gegensatz dazu deckt die Leninsche Analyse über die Bedingungen der Entstehung und Bildung des Finanzkapitals die sich verstärkenden Widersprüche zwischen Bourgeoisie und Proletariat in der Epoche des Imperialismus auf.

In Zürich verwandte Lenin über 150 aktuelle Schriften zur Monopolisierung des Bankenwesens und der Industrie aus dem Deutschen Reich, mit denen er die Aggressivität der expandierenden nationalen Kapitale nachweisen konnte. In seiner in Vorkriegszeiten konzipierten und inmitten des Krieges geschriebenen Imperialismus-Analyse sah er drei Elemente als bestimmend an: Erstens müssen die Konkurrenzkämpfe um Weltmärkte und Weltgeltung zwischen den imperialen Mächten unvermeidbar zum Krieg führen. Zweitens spitzen sich im Krieg die kapitalistischen Widersprüche zu und geben den objektiven Impuls für Revolutionen. Und drittens hat die Revolution im Krieg Erfolg, wenn als subjektives Moment die richtigen Themen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Im Fall des zaristischen Russlands: Frieden, Brot, Boden und nationaler Befreiungskampf.

Eine wichtige Besonderheit liegt in der Tatsache, dass in imperialistischen Kriegen die innere Front des Krieges ihrem Klassenwesen nach identisch ist mit der Front der möglichen und historisch mittelbar (Russland 1905, Februar 1917) oder unmittelbar (Russland Oktober 1917) anstehenden sozialistischen Revolution.

Der im imperialistischen Expansionsinteresse geführte Krieg hat seine Verursacher, weil Nutznießer, ausschließlich auf der Seite der Herrschenden und Ausbeutenden, „... all dies führt zum geschlossenen Übergang aller besitzenden Klassen auf die Seite des Imperialismus. ,Allgemeine’ Begeisterung für seine Perspektiven, wütende Verteidigung des Imperialismus, seine Beschönigung in jeder nur möglichen Weise – das ist das Zeichen der Zeit. (Fussnote: LW Bd. 22, S. 290, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, IX. Kritik des Imperialismus.)

Seine prinzipiellen Gegner stehen auf der Seite der Beherrschten und Ausgebeuteten, deren geschichtliches Ziel, entsprechend dem Stand des Klassenbewusstseins, diejenige Umwälzung ist, die mit der Beseitigung der konkret bestehenden letztlich alle Formen der Ausbeutung abschaffen wird. Eine gleiche Scheidung der Fronten konnte es im Feudalzeitalter nicht geben, in dem zumindest Teile der zur nächsten Revolution berufenen Klasse, der Bourgeoisie, jeweils an den Bereicherungstendenzen eines Feudalkrieges partizipierten oder doch wenigstens objektiv die begründete Hoffnung auf ein einträgliches Arrangement mit dem Feudal­adel haben konnten.

Bei dieser Gegenüberstellung muss allerdings die grundsätzliche Klassenposition beachtet werden. Dass aus imperialistischen Kriegsgewinnen, wie etwa auch aus kolonialen Extraprofiten, einiges für bessergestellte Schichten der Arbeiterklasse abfällt, ist möglich, berührt diese Fragestellung aber insofern nicht, als es ein den bürgerlichen Klasseninteressen an Feudalkriegen vergleichbares Primärinteresse des Proletariats an imperialistischen Kriegen objektiv nicht gibt.

Die Antwort des Finanzkapitals: Barbarei und Opportunismus

Mit Recht hat Rosa Luxemburg betont, dass für die Sozialdemokratie, wenn sie sich nur an ihre Erklärungen und Beschlüsse aus den Jahren vor dem Krieg erinnerte, „die Vorgänge und Triebkräfte, die zum 4. August 1914 führten, keine Geheimnisse [waren]“. (Fussnote: Rosa Luxemburg, AW Bd. 4, S. 74, Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre).) Lenins Auffassung über den Krieg stand vom ersten Tag an fest: „Der Europa und die ganze Welt erfassende Krieg trägt den klar ausgeprägten Charakter eines bürgerlichen, imperialistischen, dynastischen Krieges“, schrieb er im August. (Fussnote: LW Bd. 21, S. 1, Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg.) Und im September folgte die ausführliche Erläuterung: „Das Anwachsen der Rüstungen, die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte in der Epoche des jüngsten, des imperialistischen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern, die dynastischen Interessen der rückständigsten, der osteuropäischen Monarchien mussten unvermeidlich zu diesem Krieg führen und haben zu ihm geführt. Territoriale Eroberungen und Unterjochung fremder Nationen, Ruinierung der konkurrierenden Nation, Plünderung ihrer Reichtümer, Ablenkung der Aufmerksamkeit der werktätigen Massen von den inneren politischen Krisen in Russland, Deutschland, England und anderen Ländern, Entzweiung und nationalistische Verdummung der Arbeiter und ihrer Vorhut, um die revolutionäre Bewegung des Proletariats zu schwächen – das ist der einzige wirkliche Inhalt und Sinn, die wahre Bedeutung des gegenwärtigen Krieges. (Fussnote: LW Bd. 21, S. 13, Der Krieg und die russische Sozialdemokratie.)

Das Bürgertum zog seinen Söhnen Matrosenanzüge an, im Kinderzimmer standen die Zinnsoldaten. Während die Germania als Patronin der bürgerlichen Revolutionäre in der Frankfurter Paulskirche in friedfertiger Pose die schwarz-rot-goldene Fahne hochhält, tritt ein paar Jahrzehnte später dieselbe Germania mit dem Schwert auf. Die Uniform des Militärs strahlte ebenso unbedingten Gehorsam aus, wie sie ihn einforderte. Der „Hauptmann von Köpenick“ ist ein beredtes Beispiel für den Widersinn des modernen Militarismus. Kaiser Wilhelm soll die Story kolossal gefallen haben. Wichtiger als die Tatsache, dass ein verkleideter Schuhmacher die Bürgermeisterkasse mit einer Abteilung Soldaten ausraubte, war für ihn offenbar der Kadavergehorsam von Bürgertum und Militär.

Die Kasernen galten als wahre Schule der Nation. In dem Band II des Reichsarchivs „Die Schlacht von Saint Quentín“ vom Spätsommer 1914 befindet sich ein Foto über den Drill der „Potsdamer Wachtparade“ neben dem Potsdamer Stadtschloss, das heute wieder aus den Ruinen „auferstanden“ ist (Fussnote: Die Schlacht bei St. Quentín 1914, Teil II, Oldenburg/Berlin 1925, S. 153.). In 100 Mann breiten Linienreihen paradieren tausend Mann in Friedenszeiten. Daneben ein Bild vom realen Schlachtfeld: Es ist noch die Phase des sog. Bewegungskrieges. Den auf dem flachen offenen Gelände der Picardie Voranstürmenden schlägt das mörderische Feuer der französischen MGs und Feldgeschütze entgegen. Sie sind dem Feuer schutzlos ausgeliefert. Sie sind instruiert worden, nicht nach links oder rechts zu schauen und sich nicht um Verwundete zu kümmern. Ihnen ist eingetrichtert worden: Falls du fällst, kümmert sich vorerst niemand um dich. Du bist nichts, der Schlieffenplan ist alles. Allein in den ersten Wochen des Krieges fielen so über eine Million Mann.

Am 4. August 1914 (angesichts der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich (Fussnote: Nachdem das Deutsche Reich bereits am 1. August Russland und am 3. August Frankreich den Krieg erklärt hatte.)) erklärte Kaiser Wilhelm II. in einer Thronrede vor den Vertretern der Parteien: „Ich kenne keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. (Fussnote: Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg.) Und der Militarist und Erzreaktionär Hindenburg fantasierte im Zuge der Mobilisierung der kaiserlichen Armee sogar von einer neuen Gesellschaft, beruhend „auf der klassenlosen Kameradschaft in den Schützengräben“. (Fussnote: Zit. nach: „Im Dialog: Michael Krons im Dialog mit Christopher Clark“ (Sendung auf Phönix am 4. August, 13:46-15:40 Uhr).)

Die Arbeiterklasse ist bis zum Kriegsbeginn 1914 tagtäglich von der Wiege bis zur Bahre der Ideologie der Herrschenden, einem wachsenden Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus ausgesetzt. Die zunehmende Wirkung – die Arbeiterklasse ist ja von der Bourgeoisie nicht durch eine chinesische Mauer getrennt – belegt, dass gerade die deutsche Bourgeoisie es schon damals verstand, eigentlich berechtigte Emotionen der Werktätigen dank der Unterstützung durch den politischen Opportunismus ins Gegenteil zu verkehren und für ihre Interessen nutzbar zu machen.

Das galt z.B. für den Hass auf den reaktionären Zarismus, der der gesamten internationalen Arbeiterbewegung eigen war. Auch das Baseler Manifest sieht im Zarismus den „grimmigste[n]Feind der Demokratie, dessen Untergang herbeizuführen die gesamte Internationale als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen (Fussnote: Zit. aus: Außerordentlicher Internationaler Sozialisten-Kongress zu Basel am 24. und 25. November 1912. Berlin 1912, S. 23 –27.) müsse. Die Chance, daraus später eine „Begründung“ für den Krieg gegen das zaristische Russland zu zimmern, ließen sich die Herrschenden im Deutschen Kaiserreich und in der k.u.k. Monarchie natürlich nicht entgehen.

Das Baseler Manifest von 1912 benannte zwar die Kennzeichen des Imperialismus und der drohenden Weltkriegsgefahr, der sich gegenseitig aufschaukelnden Hochrüstung, des gegen den äußeren und „inneren Feind“ (die Arbeiterklasse) gerichteten Militarismus. Der französische Sozialist Jaurès hielt im Verlauf des Kongresses eine Rede von der Kanzel des Baseler Doms, bekannt als „Appell an die Lebenden“. Seine Anspielung auf Schillers Ballade „Das Lied von der Glocke“ beschwor die Kriegsgefahr mit Metaphern, die bei den Zuhörern Beifallsstürme hervorriefen. „Wir werden in dieser Kirche mit Glockenklängen empfangen, die wie ein Appell zur allgemeinen Versöhnung (!) klingen. Sie erinnern mich an die Inschrift, die in Schillers Glocke eingraviert war: ‚Vivos voco, mortuos plango, fulgura flango’ („den Lebenden rufe ich zu, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich“ – die AG). Ich appelliere an die Lebenden, sich gegen das Ungeheuer zu verteidigen, das am Horizont aufscheint. Mortuos plango: Ich beweine die unzähligen Toten dort drüben im Osten, deren Verwesungsgeruch sich bis zu uns ausgebreitet hat. Fulgura frango: Ich werde die Blitze des Krieges zerbrechen, die die Wolken drohend durchzucken. (Fussnote: Zit. nach: Arno Münster, 1914 – Die Glocken von Basel, in: der Freitag Nr. 32, 7. August 2014, S. 12.) „Krieg dem Kriege“ war zweifellos die richtige Losung der Sozialistischen Internationale. Aber welchem Zweck sollte die von Jaurès beschworene Versöhnung eigentlich dienen, wenn sie der Klassenversöhnung nicht Vorschub leisten sollte? Vor allem aber: Mit welchen konkreten Maßnahmen der Krieg – sprich die Kriegstreiber! – aufgehalten werden sollte, darüber schwiegen sich der Baseler Appell ebenso wie Jaurès selbst als Mitunterzeichner aus.

Die Mehrheit der Delegierten, die dem Manifest im November 1912 zugestimmt hatten, standen dann im August 1914 in den Reihen der Vaterlandsverteidiger ihrer jeweiligen „Kulturnation“, nachdem sie wenige Tage zuvor noch bei machtvollen Antikriegskundgebungen flammende Reden gegen den Krieg gehalten oder solchen Beifall gezollt hatten. Mit Orientierung auf Lenin und die Bolschewiki waren es nur Karl Liebknecht und Otto Rühle, die mit der Verweigerung der Zustimmung zu den Kriegskrediten in der zweiten Abstimmung (November 1914) ein eindeutiges Zeichen setzten und in einem im Mai 1915 herausgegebenen Flugblatt die Losung prägten: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“

Dieser Opportunismus und das Fehlen einer zielklar orientierten revolutionären Partei sind die entscheidenden Gründe für die Begrenztheit des antimilitaristischen Widerstands gegen Rüstung und Krieg am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Und für das klägliche Versagen vor der historischen Verantwortung fast aller Parteien der 2. Internationale, allen voran der deutschen Sozialdemokratie, bei Kriegsausbruch.

Der Opportunismus als Grundlage des Revisionismus

Der Imperialismus hatte also eine neue Form des Opportunismus in der Arbeiterbewegung hervorgebracht. Der „alte“ (Lassallesche) Opportunismus war noch Ausdruck der Unent­wik­kelt­heit, der Schwäche der Arbeiterbewegung gewesen; des Glaubens, man müsse und könne wie die utopischen Sozialisten die Herrschenden (im Falle Lassalles in Gestalt Bismarcks) für eine „sozial gerechte“ Lösung der Klassenfrage gewinnen.

Der neue, imperialistische Opportunismus basiert sozialökonomisch gesehen darauf, dass Teile der Arbeiterklasse und vor allem ihre wichtigen führenden Repräsentanten eben mehr zu verlieren hatten als ihre Ketten. Auf die Möglichkeit, den britischen Arbeitern Gratifikationen durch Extraprofite aus der Auspressung der Kolonien anzubieten, hatte bereits Friedrich Engels Ende des 19. Jahrhunderts hingewiesen.

Lenin knüpfte in seiner Imperialismus-Analyse daran an und sprach in dem Zusammenhang von einer sich herausbildenden Arbeiteraristokratie. Damit begann der Kampf mit einer dem Marxismus feindlich gegenüberstehenden Strömung, deren Verfechter unter der Flagge der Überprüfung des Marxismus seine Revision, seine Zersetzung betrieben. Da diese opportunistischen Bestrebungen nahezu gleichzeitig in allen Parteien der Zweiten Internationale auftraten, konnten sie nicht mehr als Zufall abgetan werden. Es reichte nicht aus, den Opportunismus nur an Namen festzumachen, als Irrtümer einzelner Politiker erklären zu wollen, auf subjektives Fehlverhalten, Korruption oder bloßen Verrat zu reduzieren. Ebenso wenig war er aus nationalen Besonderheiten oder Traditionen zu erklären. Es musste – so Lenins Schlussfolgerung – „tieferliegende Ursachen geben, die in der Wirtschaftsordnung und im Charakter der Entwicklung aller kapitalistischen Länder wurzeln und diese Abweichungen ständig erzeugen“. (Fussnote: LW Bd. 16, S. 353, Die Differenzen in der europäischen Arbeiterbewegung.)

Es war der Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus. Lenin erbrachte anhand seiner Untersuchungen den Nachweis, dass es zwischen dem Opportunismus als weltanschauliche Strömung und dem Monopolkapitalismus einen gesetzmäßigen Zusammenhang gibt. Er erwächst aus dem kapitalistischen Monopol und seinen Extraprofiten, aus den Gesetzmäßigkeiten und Widersprüchen, die sich auf dieser Grundlage entfalten. Er entwickelt sich infolge des Wirkens zweier dem Monopolkapitalismus wesenseigenen Tendenzen: Einerseits werden mit der ökonomischen und politischen Macht der Monopole die gesellschaftlichen Widersprüche des Kapitalismus in einem Ausmaß verschärft, dass der Opportunismus für die Aufrechterhaltung der überlebten Ausbeuterordnung und zur Verhinderung der proletarischen Revolution politisch notwendig wird. Andererseits entsteht mit dem Monopol die ökonomische Möglichkeit, den Opportunismus in der Arbeiterbewegung zu nähren und aufzupäppeln.

Opportunismus ist daher sowohl Existenzbedingung als auch Produkt des Imperialismus. Er bildet eine widersprüchliche Einheit von drei wechselseitig (dialektisch) verbundenen Erscheinungen:

– Entstehung und Wirken des Opportunismus sind in den ökonomischen, politischen und ideologischen Bedingungen des Imperialismus begründet;

– Es geht um die politischen Funktionen des Opportunismus im ökonomischen, politischen und ideologischen Klassenkampf;

– Das Wirken des Opportunismus in der Arbeiterbewegung gründet auf bürgerlichen Theorien und Auffassungen.

Das betrifft insbesondere solche Grundfragen wie die Frage der politischen Macht, des Eigentums an den Produktionsmitteln, des Klassenkampfes und damit die Frage nach dem Kampfziel der Arbeiterklasse. Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge führt uns zu der wichtigen Erkenntnis, dass der Opportunismus als historische Erscheinung vielfältiger Ausdruck eines verschärften Klassenkampfes ist, der durch den Übergang (auch in Form des sozialen Abstiegs) der keineswegs nur schlechtesten Teile des Kleinbürgertums auf die Seite der organisierten Arbeiterbewegung bedingt ist. Diese Kräfte bringen neben ihrer Kampfbereitschaft eben auch die spezifischen Erscheinungs- und Denkformen ihrer jeweiligen Klassenlage mit und bieten der bürgerlich-reaktionären Verfälschung des Marxismus-Leninismus einen günstigen ideologischen Nährboden.

Lenin hat seinerzeit die Vielzahl der auch heute immer wieder zu untersuchenden Fragen und Probleme aufgezeigt:

– Die Widerspruchsentwicklung im Imperialismus, seine Möglichkeiten für die Entstehung und Verbreitung von Opportunismus, der Extraprofit als ökonomische Grundlage des Opportunismus als politische Denk- und Handlungsrichtung;

– die soziale Basis des Opportunismus, ihre Entstehung und Verbreitung im Prozess des quantitativen und qualitativen Wachstums der Arbeiterklasse;

– die Politik der herrschenden Klasse gegenüber der Arbeiterklasse, der Wechsel von Zuckerbrot und Peitsche (zwei Formen der bürgerlichen Herrschaft: Parlamentarische Demokratie oder offene Form der Diktatur);

– die Einflüsse, die von den Besonderheiten der jeweiligen politischen Situation ausgehen, die Unterschiede zwischen einer relativ friedlichen Periode (z.B. 1872 bis 1904) und der eines danach einsetzenden revolutionären Aufschwungs;

– die ideologischen und erkenntnistheoretischen Quellen. Nichterfassen der Kompliziertheit gesellschaftlicher Prozesse und ihres Klassencharakters (die kapitalistischen scheinbar „irrationalen“ Verkehrtheiten, klassenneutraler Schein des Staates, Illusionen über die bürgerlich-parlamentarische Demokratie), die Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie und ihr Einwirken auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse.

Die Revisionisten wiesen stattdessen den scheinbar leichteren Weg, der dann die Arbeiterbewegung und die Völker waffenlos und widerstandslos ins Verderben führte. Es war der Weg von Bernstein (ab 1898): Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.

Es war der Weg von Millerand (ab 1902) und Co: Die Beteiligung an bürgerlichen Regierungen. Nach dem Sich-Einrichten einer bessergestellten Oberschicht von Arbeitern im kapitalistischen ökonomischen System und der Herausbildung einer Arbeiteraristokratie und -bürokratie war das Einrichten im politischen System der nächste Schritt mit dem Lockruf: Nicht immer nur kritisieren, sondern mitwirken und mitgestalten; Reformen durchsetzen ist besser als von Revolution zu träumen usw. …

Die einzige Partei, die den Verlockungen widerstand und die Protagoni­sten des Revisionismus und Opportunismus konsequent bekämpfte, war die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands-Bolschewiki, die unter der Führung Lenins 1912 die Trennung von den opportunistischen Elementen der Partei vollzogen hatte. Sie war während des Kriegs allen Repressalien des Zarismus ausgesetzt, ihre Abgeordneten in der Duma waren alle verhaftet und deportiert, aber nicht gebrochen. Sie zeigten ohne nachzulassen auf die Kriegstreiber im eigenen Land. Die Bolschewiki waren es, die – 1917 zur Macht gelangt – dafür sorgten, dass Russland aus dem Krieg ausschied und wenigstens für Russland das Völkergemetzel zu Ende ging.

Der Beginn einer neuen Epoche: Sozialismus oder Barbarei!

Die von Lenin und anderen Marxisten unternommene Analyse des Ersten Weltkrieges zeigte nicht nur, dass der Krieg aus den wachsenden Widersprüchen des Kapitalismus entstanden war. Sie ging weiter und erklärte, der Ausbruch des Krieges selbst sei der gewaltsame Ausdruck der Tatsache, dass die fortschrittliche Epoche der kapitalistischen Entwicklung vorüber war. Von nun an stand die Menschheit vor der Alternative Sozialismus oder Barbarei. Der Sozialismus war daher zur objektiven historischen Notwendigkeit geworden, sollte der menschliche Fortschritt weitergehen. Der Kampf der Arbeiterklasse um die politische Macht zum Zweck einer neuen, besseren Gesellschaftsordnung war nicht mehr nur Aussicht auf eine ferne erträumte Zukunft, sondern eine historisch wie praktisch drängend aktuelle Aufgabe.

Die imperialistischen Gegensätze hatten sich in den anderthalb Jahrzehnten vor 1914 aufs äußer­ste zugespitzt. Länder wie England und Frankreich, die große Kolonialreiche besaßen, wurden industriell und militärisch von Deutschland überflügelt, das – über keine nennenswerten Kolonien verfügend, weil bei der Aufteilung der Welt zu spät und zu kurz gekommen – nach einer Neuaufteilung der Welt drängte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war die Situation gekennzeichnet durch:

– den scharfen deutsch-englischen Gegensatz in der Burenfrage, der in Wirklichkeit ein Kampf um die Vorherrschaft in Südafrika war und mit Englands Sieg endete;

– das Flottenbauduell zwischen Deutschland und England, das nunmehr ernstlich um seine Herrschaft auf den Meeren zu fürchten begann;

– die bis an den Rand des Krieges führenden Marokkokonflikte von 1905/1906 bis 1911, in denen Deutschland vergeblich versuchte, die französische Vorherrschaft über Marokko wegen der strategischen Bedeutung und der Erzschätze dieses nordwestafrikanischen Gebietes zu erschüttern;

– den Kampf um Vorderasien, in dessen Verlauf Deutschland die Türkei vasallierte und sich damit England und das zaristische Russland zu Feinden machte;

– die beiden Balkankriege von 1912 und 1913, in deren erstem die kleinen Nationen Südosteuropas die türkische Herrschaft abwarfen, während im zweiten die Sieger untereinander einen blutigen Kampf ausfochten, wobei sich hinter ihnen die gigantischen Silhouetten Russlands einerseits und Deutschland-Österreichs andererseits abhoben;

– die Bildung der beiden großen Mächteblöcke England – Russland – Frankreich (Entente) und Deutschland – Österreich-Ungarn – Italien (Dreibund), wobei letztere Koalition durch den Raubkrieg Italiens gegen die von Deutschland abhängige Türkei 1911 (Eroberung von Tripolis und der Cyrenaika) noch brüchiger als ohnehin wurde.

So schrieb Rosa Luxemburg 1916 in der Juniusbroschüre hinter Gefängnismauern: „Es war daraus für jedermann klar: 1. dass der heimliche, im Stillen arbeitende Krieg aller kapitalistischen Staaten gegen alle auf dem Rücken asiatischer und afrikanischer Völker früher oder später zu einer Generalabrechnung führen, dass der in Afrika und Asien gesäte Wind einmal nach Europa als fürchterlicher Sturm zurückschlagen musste, um so mehr, als der ständige Niederschlag der asiatischen und afrikanischen Vorgänge die steigenden Rüstungen in Europa waren, 2. dass der europäische Weltkrieg zur Entladung kommen würde, sobald die partiellen und abwechselnden Gegensätze zwischen den imperialistischen Staaten eine Zentralisationsachse, einen überwiegenden starken Gegensatz finden würden, um den sie sich zeitweilig gruppieren können. Diese Lage wurde geschaffen mit dem Auftreten des deutschen Imperialismus. (Fussnote: Rosa Luxemburg, GW Bd. 4, S. 78, Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), Kapitel III.)

Der von serbischen Nationalisten begangene Thronfolgermord von Sarajewo im Juni 1914 bot den Herrschenden der beiden Mittelmächte, die den beginnenden Zerfall der österreichisch-ungarischen, von vielfachen nationalen Gegensätzen zerrissenen Monarchie fürchteten, eine willkommene Gelegenheit den Krieg zu beginnen, um einerseits ihre Expansionspläne mit militärischer Gewalt durchzusetzen und andererseits die Krise ihrer Herrschaft abzuwenden. Während sie sich in der Öffentlichkeit in Friedensbeteuerungen ergingen, sorgten sie durch ihr Vorgehen gegen Serbien dafür, dass eine friedliche Lösung unmöglich blieb. England täuschte bis zuletzt die Mittelmächte über seine voraussichtliche Haltung in einem kontinentalen Konflikt, wodurch die Kriegslust der herrschenden Klassen Deutschlands und Österreichs, die an Englands Neutralität glaubten, enorm angespornt wurde. Mit dem ersten Weltkrieg, der die Menschheit in eine bis dahin nicht vorstellbare Katastrophe stürzte, erreichte die allgemeine Krise des kapitalistischen Weltsystems ihren vorläufigen Höhepunkt.

Noch während des blutigen Schlachtens verkündete die eben erst geborene Sowjetmacht im November 1917 das „Dekret über den Frieden“ und wies den Weg zur Beendigung des Völkermordens. Die kaiserlich-deutsche Regierung und ihre Generale aber verschlossen ihre Ohren gegen den Ruf zum Frieden aus den voranstehend dargelegten Gründen, brachen den Waffenstillstand mit Sowjet­russland, griffen am 18. Februar 1918 an allen Fronten erneut an und raubten riesige Gebiete des jungen Sowjetstaates.

In den Gebieten, in denen der Ausgang des er­sten Weltkrieges das alte System bestehen ließ, bestätigte die Entwicklung, dass der Kapitalismus in seiner letzten imperialistischen Phase unfähig ist, insbesondere die nationale Frage zu lösen. Zwar zerfiel ein solcher Nationalitätenstaat wie das alte Österreich-Ungarn, das die Polen, Tschechen, Ukrainer, Slowaken, Italiener, Kroaten, Serben und andere Völker scharf unterdrückt hatte. Aber die neuen, auf den Trümmern des Habsburger Kaiserreichs entstandenen Staaten begannen sofort ihrerseits mit der Unterdrückung nationaler Minderheiten. In Jugoslawien herrschten die Serben gegen die Kroaten und Bosnier. Der polnische Staat behandelte die in seinen Grenzen lebenden Weißrussen, die Juden, Ukrainer und Litauer auf das Schändlichste. Zu dieser Politik der nationalen Unterdrückung kam hinzu, dass die nach dem ersten Weltkrieg neu erstandenen bürgerlichen Staaten wie zum Beispiel die Tschechoslowakei, Polen, Jugoslawien sowie Litauen, Lettland und Estland Werkzeuge in den Händen der Imperialisten waren, die diese Staaten ausbeuteten und in militärische Abenteuer jagten. Unzählige bewaffnete, bis zu Kriegen wachsende nationale Konflikte der bürgerlichen Staaten untereinander brechen in der Periode zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg aus.

Das kapitalistische System konnte und kann die Völker ebenso wie die Menschen nur gegeneinander aufbringen. Das Prinzip der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und einer Nation durch die andere kann kein anderes Resultat haben und hat auch nichts anderes zuwege gebracht als ständige Konflikte, deren Krönung militärische Zusammenstöße und Kriege sind. „Hier enthüllt der Kapitalismus seinen Totenschädel, hier verrät er, dass sein historisches Daseinsrecht verwirkt, seine weitere Herrschaft mit dem Fortschritt der Menschheit nicht mehr vereinbar ist. (Fussnote: Ebenda, S. 163, Kapitel VIII.)

KAZ-Fraktion „Ausrichtung Kommunismus“,
AG Ukraine (Corell, Karlchen, Lobo)

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Noch mehr als die Maschinengewehre fürchtete man die schwere Artillerie. Aus dem Kriegstagebuch eines deutschen Unteroffiziers: „ Von einem Toten waren nur Fleischstücke und Kleidungsreste übrig geblieben. Um 11 Uhr vormittags fingen die Minenwerfer an zu schießen. Die Dinger haben eine furchtbare Wirkung. ... “ Der Gasdruck des Einschlags konnte sogar Soldaten aus Nachbargräben herausschleudern. Die Muskulatur ungeschützter Körperteile wurde auf größere Entfernungen noch so schwer geschädigt, dass nur die Amputation die Verletzten retten konnte.

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Ein Grabenabschnitt wird durch den Einschlag einer 25cm-Granate eines Minenwerfers (Steilfeuergeschütz, Vorläufer der späteren 35/42cm Mörser) förmlich pulverisiert. Die Bäume links im Bild geben eine schwache Ahnung von der Wucht des Explosion.

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London – 21. Februar 1848: Mit dem Kommunistischen Manifest tritt die Arbeiterklasse auf den Kampfplatz der Geschichte.

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18. März 1871: Als der Kapitalismus in den 1870er-Jahren schon auf dem Weg zur weltweiten Ausbreitung war, zeigte sich in Paris erstmals in der Praxis, dass er dabei auch seinen eigenen Totengräber hervorgebracht hatte: die Arbeiterklasse.

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August 1914 – auch in München versammelte sich eine kriegsbegeisterte Menge. Inmitten derselben (siehe Kreis) der Mann, der 25 Jahre später den 2. Weltkrieg für die Expansionsziele des deutschen Finanzkapitals vorbereiten und beginnen sollte: Adolf Hitler.

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Die imperialistische Barbarei zerstört den Menschen. „Kriegszitterer“, auch bekannt als Shellshock-Syndrom (links), siehe youtube: http://www.youtube.com/watch?v=RRv56gsqkzs . Die k.u.k-Armee greift im Osten vor allem gegenüber der serbischen Zivilbevölkerung zu brutalen Terrormaßnahmen (rechts).

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Mosaik über die Oktoberrevolution 1917 in Minsk: Minsk, 1922 Hauptstadt der neugebildeten Belorussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR – eine Teilrepublik der Sowjetunion ), ist heute die Hauptstadt von Weißrussland (Belarus).

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Das Dekret über den Frieden markiert den Übergang in die Epoche der Revolutionen. Es war neben dem Dekret zur Bodenfrage und der Haltung der Sowjetregierung zur nationalen Frage die Grundlage für den Roten Oktober. Indem es den radikalsten Friedensforderungen der aufständischen Massen und unterdrückten Völker in Russland entgegenkam, trug es entscheidend dazu bei, dass die Bolschewiki sich gegen ihre politischen Gegner, die für den „Krieg bis zum siegreichen Ende“ eintraten, durchsetzen und behaupten konnten (Fotomontage).

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Sozialismus oder Barbarei