KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Allgemeine Krise des Kapitalismus – ein brauchbarer Begriff zur Analyse des staatsmonopolistischen Kapitalismus?

Im Rahmen eines Bildungsabends des Betriebsaktivs der DKP München zur Politischen Ökonomie wurde das Buch „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“ von G. Binus, B. Landefeld und A. Wehr diskutiert. Darin spielt der heute nur noch wenig verwendete Begriff der „Allgemeinen Krise des Kapitalismus“ eine wichtige Rolle. Es entwickelte sich eine Diskussion zu der Frage, ob der Begriff der „Allgemeinen Krise“ zur Analyse des heutigen, des staatsmonopolistischen Kapitalismus brauchbar und notwendig ist, weil die Analyse der Krise natürlich ein zentraler Teil der Gesamtanalyse sein muss. Das hier Folgende beruht auf Anhaltspunkten, die der Verfasser für die oben genannte Diskussion zusammengestellt hatte. Mit der Darstellung der Diskussion und der Elemente der Theorie der und ihrer Grundlagen hoffen wir zur Klarheit in der Frage der Krisenanalyse beizutragen.

Die Begriffe zu klären“, schrieb Hans Heinz Holz (Fussnote: Hans Heinz Holz, Niederlage und Zukunft des Sozialismus, 1991 Neue Impulse Verlag, Essen, Edition Marxistische Blätter, hier 2. Korrigierte Auflage 1992, S. 8.)ist unerläßlich, um zu wissen, wofür man kämpfen will“.

In der strategischen Diskussion um die Einschätzung der Krisensituation, die seit 2007 andauert werden Begriffe wie „Große Krise“ oder „multiple Krise“ verwendet. Es hat sich gezeigt, dass sich hinter schwammigen, eher beschreibenden als analysierenden Bezeichnungen der gegenwärtigen Krisensituation in der Regel eine ebenso schwammige Gesamtanalyse steckt, während präzisere Krisenbegriffe auch präzisere Lageanalysen erlauben. Kann der Begriff „Allgemeine Krise“ zur Präzisierung der gegenwärtigen Lagebestimmung im staatsmonopolistischen Kapitalismus beitragen?

Die Begriffe „Staatsmonopolitischer Kapitalismus“ und „Allgemeine Krise“ hängen eng zusammen. Sie wurden voneinander abhängig entwickelt in der politökonomischen Diskussion der kommunistischen Weltbewegung nach 1918, im Rahmen der von Lenin initiierten Kommunistischen Internationale (K.I.), auf Grundlage der von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten Politischen Ökonomie und ihrer Weiterentwicklung durch W.I. Lenin. Deshalb ist es sinnvoll, sich die entsprechenden Grundbegriffe ins Gedächtnis zu rufen.

Basis – Überbau – Klassenkampf

Ausgangspunkt sind die Begriffe Basis – Überbau – Klassenkampf, wozu wir auf das bekannte Vorwort von Karl Marx „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ zurückgreifen:

In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ (Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW 13, S. 8,9)

Warum dieses lange Zitat? Der Begriff „Allgemeine Krise“, werden wir sehen, kann nützen auf dem Weg von der abstrakten Analyse der Notwendigkeit des Umsturzes zur „konkreten Analyse der konkreten Situation“, die Lenin von Kommunisten verlangt. Es geht dabei um die genauere Ortsbestimmung in der „Epoche der sozialen Revolution“ von der Marx im zitierten „Vorwort“ spricht. Dabei, und darauf kommt es hier an, „muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.

In seiner rotfuchs-Festrede zu Karl Marx stellte Götz Dieckmann (Fussnote: Festrede von Prof. Dr. Götz Dieck­mann, stellvertretender Vorsitzender des RF-Fördervereins Chemnitz, 3. Mai 2008, Sonderbeilage des RF Nr. 125, S. 8; www.rotfuchs.net/verein/dok/standpunkte/07/Festreden.pdf) fest: „Marx-Verfälschung und Opportunismus hatten – und haben auch heute – stets mit Verzerrungen dieser komplizierten Wechselwirkungen zu tun.“ Hans Heinz Holz (Fussnote: Ebendort, Botschaft von Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Heinz Holz, S. 4.) wurde in seinem Beitrag zum selben Anlass ebenso deutlich:„Wer nur die ökonomische Basis und technische Entwicklung im Blick hat, wird ein ökonomistischer Mechanizist und endet in einem revisionistischen Reformismus. Der Weg der Sozialdemokratie von Bernstein bis zu Schröder und Müntefering liefert uns die Beispiele. Wer andererseits meint, mit richtigen Zielen und guter Gesinnung und Reinheit der Theorie allein sei die Welt zu verändern, bleibt ein utopistischer Ideologe. Gewiß sind diese Bewußtseinseigenschaften unerläßlich, aber sie müssen sich mit der widerspruchsvollen Wirklichkeit so vereinigen, dass sie den Opportunismus verhindern und sturen Doktrinarismus vermeiden.“ Mit diesen Hinweisen an der Hand greifen wir weiter zurück auf die von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelten Begriffe Warenproduktion, Kapitalismus und Krise.

Bewegung von Warenproduktion und Kapitalismus in der Krise

Die Menschen entwickeln die Produktivkraft der Arbeit durch Arbeitsteilung in ihrer Zusammenarbeit, „in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens“ (Marx/Engels, s.o.). „Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur“ schreibt Marx im „Kapital“, „ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, S. 192)

Mit der Verbesserung der Arbeitswerkzeuge wuchs die Produktivität, mit ihr der Austausch der Produkte. Aus Millionen und Milliarden von Tausch­akten von Privateigentümern, die für den Tausch produzierten, entstand die gesellschaftliche Grundlage für Warenproduktion und -tausch. Gebrauchswerte wurden nach ihrem Tauschwert gleichgesetzt entsprechend der dafür aufgewandten Arbeitszeit. Mit der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte, der Arbeitsteilung und entsprechend der Entwicklung der Märkte setzte sich ein allgemeines Tauschmittel durch, meist Edelmetall, als Geld (W-G-W). Aus städtischen Händlern und Handwerkern, die von der gesteigerten Arbeitsproduktivität profitierten, entwickelte sich die Klasse der Bourgeois. Sie setzten ihren angesammelten Geldreichtum nur noch ein, um ihn zu vermehren, zu akkumulieren; sie wurden Kapitalisten (G-W-G‘). Dabei trennte sich die Gesellschaft zunehmend in Kapitalisten, Eigentümern von Produktionsmitteln und Arbeiter, die auf dem Markt nur ihre Arbeitskraft als Ware anbieten können. Die ökonomische Rolle der landbesitzenden Feudalklasse und der Bauern, die von ihnen ausgebeutet werden, ging zurück. Die Feudalklasse behinderte die weitere Entwicklung der Produktivkräfte. Entsprechend verlor ihre Ideologie, die auf Religion aufbaute, an Boden. In der Epoche der bürgerlichen Revolution verloren sie die politische Macht, zuerst dort, wo die Produktivkräfte und mit ihnen die Märkte am meisten entwickelt waren. Die Bourgeoisie baute sich im Kampf gegen die Feudalklasse ihren Nationalstaat auf. Die Produktivkräfte entwickelten sich wie nie zuvor.

Die Entwicklung der Produktivkräfte brachte mit der großen Industrie einen weiteren Niedergang der Zwischenschichten (Handwerker, Kleinhändler, Kleinbauern, d.h. kleine Besitzer von Produktionsmitteln) mit sich, das Kapital konzentrierte sich. Die Größe der Unternehmen erforderte zunehmend Kredit.

Es bildet sich, wie Marx sagt, „mit der kapitalistischen Produktion eine ganz neue Macht, das Kreditwesen, das in seinen Anfängen verstohlen, als bescheidne Beihilfe der Akkumulation, sich einschleicht, durch unsichtbare Fäden die über die Oberfläche der Gesellschaft in größern oder kleinern Massen zersplitterten Geldmittel in die Hände individueller oder assoziierter Kapitalisten zieht, aber bald eine neue und furchtbare Waffe im Konkurrenzkampf wird und sich schließlich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt“. (Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, S. 655)

Wir werden darauf zurückkommen: Marx weist also bereits in den 1860er Jahren darauf hin, dass sich in der Entwicklung des Kapitalismus das Kreditwesen „in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt“!

Der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise – private Aneignung der gesellschaftlichen Produktion – entwickelt sich in den nun gesetzmäßig auftretenden zyklischen Krisen: Die gesellschaftlichen Produktionsmittel sind in Privateigentum der Kapitalisten, die daher privat, also ohne gesellschaftliche Planung, über die Verwendung entscheiden. Daher entwickeln sich die Kapitale, die in der Konkurrenz zu maximaler Akkumulation gezwungen sind, ungleich. In der Krise zeigt sich, dass die zahlungsfähige Nachfrage der kapitalistischen Gesellschaft, die letztlich von der Lohnsumme abhängt, nicht mit der akkumulierten Produktionsmöglichkeit des erneuerten fixen Kapitals Schritt hält. In der Krise übernimmt der Kapitalist mit der stärkeren Kapitalkraft, und daher auch mit der höheren Kreditwürdigkeit, die Marktanteile schwächerer Konkurrenten. Sollte er sich aber im folgenden Aufschwung „vernünftig“ mit Produktionsausweitung zurückhalten, würde er von einem Konkurrenten, der sich nicht zurückhält und mehr Profit akkumuliert, übernommen. Gesellschaftliche Planung, die eine gleichmäßige Entwicklung ohne zyklische Krisen sicherstellt, ist mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln nicht vereinbar.

Das heißt, die im „Vorwort“ genannten materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft erreichen eine Stufe in ihrer Entwicklung, wo sie in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen geraten, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln beruhen.

Lenin bestimmt nun genauer, wie sich, im Sinn des „Vorworts“ „mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage“ „der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher umwälzt“, d.h. wie sich aus der Bewegung des Kapitalismus in seinen Krisen der kapitalistische Imperialismus als Vorabend der proletarischen Revolution entwickelt. (W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Lenin Werke Band 22, ab S. 189)

Imperialismus

Zwei Entwicklungen werden in der Entwicklung des Kapitalismus, wie wir gesehen haben, bestimmend: Zum einen erzwingt die Konkurrenz gesetzmäßig die Konzentration und Zentralisation von Kapital und erzeugt so die Tendenz zum Monopol. Zum anderen wird im Konkurrenzkampf der Zugang zu Kredit entscheidend. Das Kreditwesen hatte sich in einen ungeheuren sozialen Mechanismus zur Zentralisation der Kapitale verwandelt! Industriekapital verschmilzt mit Bankkapital zum Finanzkapital. Wegen der ungleichen Entwicklung der Kapitale wie auch der Länder, in denen die Monopole zusammenwachsen, entstehen wenige kapitalistische Großmächte und viele schwächere abhängige Länder.

Auf Grundlage dieser Gesetzmäßigkeiten entwickelt sich der Kapitalismus um 1900 herum zum kapitalistischen Imperialismus.

Der kapitalistische Konkurrenzkampf wird mit allen Mitteln geführt, nur begrenzt durch Gesetze und Machtmittel des bürgerlichen Staats. Den bürgerlichen Nationalstaat hatten die Bourgeois als gemeinsames Klasseninteresse durchgesetzt, zunächst zusammen mit den Bauern im Klassenkampf gegen den Feudalstaat: Gleiches Recht für Alle auf Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln. Durch die bürgerliche Revolution wird der Nationalstaat Staat der Kapitalistenklasse, der Privateigentümer von Produktionsmitteln. Mit der Konzentration des Kapitals und der Entwicklung des Finanzkapitals bildet sich ein Teil der Bourgeoisie mit mehr Einfluss heraus – die Monopolbourgeoisie oder politisch ausgedrückt, die Finanzoligarchie. Sie führt den Konkurrenzkampf nicht mehr nur mit kaufmännischen Mitteln. Absprachen, Kartelle, formelle und informelle Verbände werden gebildet, um Märkte zu beherrschen und Extraprofite zu erzielen. Die Machtmittel ihres Nationalstaats werden genutzt, je nach Kapitalstärke der Monopole bzw. Monopolgruppen.

Der Zwang zur Akkumulation, zur Eroberung neuer Märkte, gilt im Inneren wie im Ausland. Die eigene Nation wird dem Kapital zu eng. Auch international organisieren die Finanzoligarchen Kartelle, um sich die Weltmärkte aufteilen. Zunehmend wird es profitabler, Waren in den Auslandsmärkten zu produzieren, statt sie dorthin zu exportieren: Kapitalexport bekommt gegenüber dem Warenexport besondere Bedeutung. Die Welt wird unter die kapitalistischen Großmächte aufgeteilt mit den Machtmitteln des Nationalstaats entsprechend der Kapitalstärke. Die unterdrückten Völker in den abhängigen Ländern, denen in der Epoche des Imperialismus keine selbstständige kapitalistische Entwicklung mehr zugestanden wird, werden Bundesgenossen der Proletarier aller Länder. Wegen der ungleichen Entwicklung der Kapitale ist in der territorialen Aufteilung der Welt der Kampf um die Neuaufteilung mit den Weltkriegen angelegt.

Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung ,nach dem Kapital’, ,nach der Macht’ vorgenommen – eine andere Methode der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. Die Macht aber wechselt mit der ökonomischen und politischen Entwicklung; um zu begreifen, was vor sich geht, muß man wissen, welche Fragen durch Machtverschiebungen entschieden werden; ob diese Verschiebungen nun ,rein’ ökonomischer Natur oder außerökonomischer (z.B. militärischer) Art sind, ist eine nebensächliche Frage, die an den grundlegenden Anschauungen über die jüngste Epoche des Kapitalismus nichts zu ändern vermag. Die Frage nach dem Inhalt des Kampfes und der Vereinbarungen zwischen den Kapitalistenverbänden durch die Frage nach der Form des Kampfes und der Vereinbarungen (heute friedlich, morgen nicht friedlich, übermorgen wieder nicht friedlich) ersetzen heißt zum Sophisten herabsinken.“ (Kursivsetzung im Original: W.I. Lenin, Der Imperialismus ..., LW 22, S. 257/258)

Zur Befriedung der Klassenkämpfe während der Kriegsvorbereitung verwenden die Finanzoligarchien der kapitalistischen Großmächte einen Teil ihrer Extraprofite, um Einfluss auf die Arbeiterbewegung zu bekommen. In der Arbeiterklasse der imperialistischen Großmächte entwickelt sich gesetzmäßig eine Oberschicht, die Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie.

Die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit wird im Imperialismus zeitweise durch Kartellabsprachen gehemmt. Das Privateigentum und damit die ungleiche Entwicklung werden aber dadurch nicht aufgehoben. Die aufgestauten Ungleichentwicklungen entladen sich dann im Platzen des Kartells und scharfen Konkurrenzauseinandersetzungen, in denen Investitionen in neue Technik dank gefüllter „Kriegskassen“ besonders schnell vorangetrieben werden.

Der Imperialismus spitzt den Grundwiderspruch des Kapitalismus zu. Die Produktion wird weltweit vergesellschaftet, das Produkt der gesellschaftlichen Arbeit wird privat angeeignet und stellt sich in Form reaktionärer Macht gegen die Produzenten. Immer tiefere und weiter ausgreifende Krisen und schließlich der Weltkrieg bedrohen die Entwicklung der Gesellschaft. Gesellschaftliche Planung und deren Voraussetzung, die Ablösung der Macht der Monopolbourgeoisie unter Führung der Arbeiterklasse wird dringender.

Die fortschrittliche Rolle der Bourgeoisie ist im Imperialismus beendet. Er ist das Niedergangsstadium des Kapitalismus, die historische Epoche von Krieg und Revolution.

Die Zuspitzung und Entladung der imperialistischen Widersprüche im 1. Weltkrieg führte zum Zusammenbruch der 2. Internationale. Die Arbeiterparteien, die unter Führung von Opportunisten den Kriegskrediten zugestimmt hatten, waren politisch bankrott. Kommunistische Parteien mussten gegründet werden und ihre Kommunistische Internationale (KI) unter Führung Lenins. Zur politökonomischen Analyse bezog Lenin den revolutionären Wissenschaftler Eugen Varga in die Arbeit ein. (Biographische Kurzinformation zu Eugen Varga im Kasten) Bereits zum II. Weltkongress der KI wertete Lenin Vargas Arbeit aus, seither stützte sich die KI, ihre Weltkongresse und ihr Exekutivkommittee (EKKI) auf Vargas Analysen, die auch heftig kritisiert wurden. Doch Lenin verteidigte ihn: „Wir brauchen volle und wahrheitsgetreue Information …

Staatsmonopolistischer Kapitalismus

Als Begründer der Theorie des Staatsmonopolistischen Kapitalismus (oft abgekürzt als SMK oder Stamokap) und der „Allgemeinen Krise“ gilt Eugen Varga. Jürgen Kuczynski (1904-1997), zweifellos einer der bedeutendsten deutschen Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, sagte: „Mein Lehrer Eugen Varga war der größte Politökonom des Kapitalismus in der Periode 1924 bis 1964. Er war der Politökonom der Kommunistischen Internationale.“

In der folgenden Darstellung der Grundlagen des SMK und der „Allgemeinen Krise” beziehen wir uns auf das Buch „Staatsmonopolistischer Kapitalismus“ von G. Binus, B. Landefeld und A. Wehr, S. 6-33, das in der Reihe PapyRossa Basiswissen 2014 erschien, im Folgenden zitiert als BLW. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag, um die wissenschaftliche Diskussion der Entwicklung des gegenwärtigen Kapitalismus und des Charakters seiner Krisenhaftigkeit voran zu bringen.

Marx und Engels wiesen auf die Wechselwirkung von Staat und ökonomischer Entwicklung hin (BLW S. 8), wie wir bereits im „Vorwort“ gesehen haben. Lenin prägte den Begriff „staatsmonopolistischer Kapitalismus“, den besonders Varga weiterentwickelte (BLW S. 8,9).

Dass in dem Beziehungsgeflecht von Ökonomie und Politik das spezifische Verhältnis von Monopolen und Staat zum entscheidenden Knotenpunkt in der Entwicklung des Kapitalismus wird, steht in einem engen Zusammenhang mit drei historischen Entwicklungssträngen dieses Systems seit dem Übergang zum 20. Jahrhundert: dem Monopolkapitalismus, dem Imperialismus und der allgemeinen Krise des Kapitalismus“. (BLW S. 8).

Von den genannten Entwicklungssträngen sind als Begriffe bekannt der Monopolkapitalismus als die ökonomische Basis des Imperialismus und die wichtigsten Merkmale des Imperialismus. Dabei entwickelte Lenin den Zusammenhang zwischen der ökonomischen Basis und dem ideologischen und politischen Überbau: Fäulnis und Korruption, Wendung von der Demokratie zur Reaktion, „Ära der proletarischen, sozialistischen Revolution“.

Der SMK entwickelt sich aus Monopolkapitalismus und Imperialismus und aus einem weiteren elementaren Entwicklungsstrang: „Die Allgemeine Krise des Kapitalismus ist ein dritter Strang in der theoretischen Ableitung des SMK. Ihr Beginn wurde mit der Herausbildung des Monopolkapitalismus als ‚Niedergangsprozess‘ der kapitalistischen Gesellschaftsformation begründet, ihr Hervortreten mit den Folgen der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung in Zusammenhang gebracht; ... Der SMK gilt daher mit seiner Funktion, die Kapitalakkumulation zu sichern, als Anpassung des Imperialismus an die veränderte Gesamtsituation. Offen trat die allgemeine Krise in der kapitalistischen Entwicklung zum ersten Mal mit der äußersten Zuspitzung der imperialistischen Gegensätze im ersten Weltkrieg hervor, den revolutionären Kämpfen der Arbeiterklasse in Europa und vor allem mit der russischen Oktoberrevolution 1917 sowie der Bildung des ersten sozialistischen Staates. Von da an, besonders aber nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Entstehen des sozialistischen Weltsystems und dem Zusammenbruch des Kolonialsystems, wird die allgemeine Krise im marxistischen Theoriegebäude über einige Jahrzehnte nicht nur aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus, sondern vor allem aus der Wechselwirkung des Kampfes beider Weltsysteme abgeleitet.“ (BLW S. 13/14).

Die Theorie der „Allgemeinen Krise“

Eugen Varga entwickelt Grundzüge und Wesen des Niedergangs des Kapitalismus in der Epoche des Imperialismus als „Allgemeine Krise“ in Abgrenzung zur „zyklischen Krise“.

Er kennzeichnet den ökonomischen Kern der lang anhaltenden Krise folgendermaßen: „Die Aufnahmefähigkeit des kapitalistischen Absatzmarktes genügt selbst in den Hochkonjunkturphasen nicht, um eine volle Ausnutzung des Produktionsapparats zu ermöglichen.

Aus dem daher chronisch gewordenen Überfluss an fixem Kapital (Anlagenkapital, Maschinerie etc.) folgen weiter schrumpfende Märkte (mangels Neuanlage von Kapital in Produktionsanlagen), chronische Arbeitslosigkeit und Verarmung, Zusammenbruch des Kreditsystems (national, Währung, international) und auch eine weltweite Agrarkrise. Der Krisenzyklus wird deformiert.

Unter den verschiedenen Schichten der besitzenden Klassen geht ein verschärfter Kampf um die Verteilung des verminderten gesellschaftlichen Wertprodukts vor sich“ schrieb Varga 1922 in seiner grundlegenden Schrift „Die Niedergangsperiode des Kapitalismus“ (Fussnote: E.S. Varga Ausgewählte Schriften 1918 – 1964, 3 Bände, herausgegeben 1979 vom Institut für internationale Politik und Wirtschaft der DDR (IPW), Bearbeiter Horst Heininger und Lutz Maier, bei Pahl-Rugenstein erschienen 1981, hier verwendet 2. Auflage 1982, Band 1, S. 296.). Eine ständige und zunehmende politische und gesellschaftliche Krise prägte sich aus. „Nur die Notwendigkeit, das revoltierende Proletariat niederzuhalten, einigt zeitweise die hadernden Schichten und Parteien“ (siehe auch BLW S. 14/15).

Die Aussagen Vargas bzw. der Weltkongresse der K.I. zur allgemeinen Krise wurden von der Arbeiterbewegung aufgenommen, z.B. in Thälmanns Rede im ZK der KPD am 15.1.1931, auf die auch das seit den 50er Jahren bekannte „Lehrbuch Politische Ökonomie“ Bezug nimmt (Fussnote: ‚Politische Ökonomie, Lehrbuch‘, Institut für Ökonomie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, deutsche Originalausgabe, Dietz Berlin, hier aus Lizenzausgabe für Westdeutschland, Verlag Das Neue Wort, Düsseldorf 1955, S. 310.).

Nach 1945 wurde die Theorie des SMK und der allgemeinen Krise in Deutschland weitergeführt u.a. vom IPW in Berlin (Institut für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR, das sich schwerpunktmäßig mit der Analyse der kapitalistischen Wirtschaft befasste). In einer Ausarbeitung des IPW von 1976 wird die Allgemeine Krise des Kapitalismus „als eine besondere historische Periode im Niedergangsprozess des Kapitalismus“ bezeichnet, „in der sich die Bedingungen der historischen Ablösung des Kapitalismus herausbilden.“ Sie sei daher kein neues Stadium, sondern eine Systemkrise des Kapitalismus, die alle Seiten des gesellschaftlichen Lebens, die Wirtschaft, die Politik, die Ideologie und die Kultur umfasst. (BLW S. 15)

Im Gegensatz zur Transformationsdoktrin, wie sie z.B. vom isw vertreten wird, stellte das IPW fest: Als Systemkrise kann sie auch nicht durch die Kräfte des herrschenden Systems überwunden werden, sondern nur durch eine grundlegende sozialökonomische Umgestaltung zur Errichtung sozialistischer Produktionsverhältnisse.

Für eine solche Umgestaltung nannte das IPW Bedingungen:

Erste entscheidende Bedingung dafür ist ein revolutionärer Übergang und eine entsprechende Stärkung des subjektiven Faktors. Solange diese nicht gegeben sind, wird der Kapitalismus weiter bestehen. Er wird Möglichkeiten finden, sich mit neuen Bewegungsformen des Monopolkapitals anzupassen. Darin eingeschlossen sind die weitere Vertiefung ökonomischer und politischer Widersprüche, neue gesellschaftliche Konflikte und die zunehmende Labilität und Fäulnis des Kapitalismus.

Als eine zweite besondere Bedingung der historischen Ablösung des Kapitalismus wird die Entfaltung der engen Wechselwirkung von inneren und äußeren Widersprüchen hervorgehoben. Vor allem wird dem revolutionären Weltprozess, insbesondere der Entwicklung des Sozialismus ein erstrangiger Stellenwert zugeordnet, da dieser sowohl als Faktor zur Stärkung der Kampfpositionen der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern als auch als Triebkraft für Krise und Zerfall des imperialistischen Kolonialsystems wirkt.“ (BLW S. 17-18).

Die „prononciert euphorische Orientierung“ der Theorie der „Allgemeinen Krise“ auf den Sozialismus als Triebkraft für die Krise, „oft verbunden mit der Prophezeiung des nahenden Zusammenbruch des Kapitalismus“ entfiel Ende der 80er Jahre „mit dem Zerfall des sozialistischen Systems in Europa“. Damit wurde die marxistische Forschung zur „Allgemeinen Krise“ abgebrochen. Angesichts der offenbaren Krisenhaftigkeit liegt aber kein anderes schlüssiges Konzept zur Klärung der Realität vor. (BLW S. 17/18)

Die weiterhin bestehende „Systemkrise des Kapitalismus, die alle Seiten des gesellschaftlichen Lebens, die Wirtschaft, die Politik, die Ideologie und die Kultur umfasst“ erfordert aber eine „wissenschaftliche Analyse der Realität als Grundlage einer antikapitalistischen Strategie.“ Dabei kann aber, nach 1989, nicht einfach auf die alte Theorie zurückgegriffen werden. (BLW S. 18)

Zu untersuchen wäre demnach zunächst, welche Rolle die „prononciert euphorische Orientierung“ der Theorie der „Allgemeinen Krise“ auf den Sozialismus spielt, die, siehe oben, „entfiel“. Das wird diskutierbar anhand der von Varga dargestellten „Etappen der allgemeinen Krise“.

Die Etappen der „Allgemeinen Krise“

In seiner letzten umfassenden Darstellung der „Allgemeinen Krise“ in „Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts“ (Fussnote: E.S. Varga Ausgewählte Schriften 1918 – 1964, siehe oben Anmerkung 4, 3 Band, S. 1-100.) charakterisiert Varga 1961 die Entwicklung wie folgt:

1900-1917 Entwicklung von Elementen des SMK und der „Allgemeinen Krise”

Bei der Darstellung bis 1917 baut Varga auf den Charakteristika des Imperialismus auf, wie Lenin sie in seiner Schrift „Der Imperialismus …“ vorgelegt hat. Grundlage ist also die hohe Kapitalkonzentration und die Entwicklung des Finanzkapitals.

Die entstehende größere Stufenleiter der Produktion erlaubt einen Sprung in der systematischen Anwendung von Wissenschaft in der Produktionstechnik, besonders sichtbar in der Elektro-, und Chemieindustrie und in der Fließbandproduktion.

Aus der schnellen Ausdehnung der Produktionskapazität in einigen Bereichen folgt zunehmende Ungleichmäßigkeit, aus der schärfste Auseinandersetzungen in der Konkurrenz der sich ausbildenden Kartell- und Konzerngruppen entstehen.

Die Ausdehnung der Märkte stößt an geografische Grenzen, das Kolonialsystem muss in der imperialistischen Konkurrenz befestigt und ausgebaut werden, mit der Folge von politischen Krisen und Militarisierung.

Die Finanzoligarchie dominiert die Bourgeoisie und den Staatsapparat.

In der Arbeiterklasse wird Spaltung durch die Revisionisten sichtbar, die, gestützt auf Arbeiterbürokratie und Arbeiteraristokratie, ideologisch auf die Seite der Monopolbourgeoisie übergehen. Monopol-Extraprofite sind die ökonomische Grundlage für diese gesetzmäßige Entwicklung.

Die Zwischenschichten verändern sich durch die zunehmende Trennung von Kapital, Eigentum und Leitung der Kapitalverwertung: Entwicklung von Rentiersschichten (Kapitalisten, die nicht Unternehmer sind), Leitungsschichten (Leiter/Manager, die nicht Kapitaleigentümer sind), Verdrängung der alten Zwischenschichten (Handwerker, Kleinbauern, Kleinhändler); Feudalherren werden verdrängt oder werden grundbesitzende Kapitalisten.

Die zugespitzten Widersprüche entladen sich im 1. Weltkrieg. Erste Erscheinungen des SMK zeigen sich in Deutschland, z.B. die Einrichtung der Kriegsrohstoffabteilung. Die zwei Methoden der Herrschaft des Kapitals werden in ihrer Widersprüchlichkeit deutlich (Militärzuchthaus/Burgfrieden).

1917-1945 Erste Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus

In der Oktoberrevolution entsteht der Staat der Diktatur des Proletariats und schränkt den bereits aufgeteilten kapitalistischen Weltmarkt ein. Infolge der Kriegskosten und -zerstörungen ergibt sich eine Kräfteverschiebung bei den imperialistischen Großmächten zugunsten der USA, die Kapital nach Deutschland exportieren und dort die Re-Militarisierung gegen die junge SU fördern, auch im Widerspruch zu Großbritannien und Frankreich.

Kolonialvölker revoltieren z.B. im Ex-Osmanischen Reich, in China, im Iran.

Die neuen Technologien setzen sich breit durch, besonders sichtbar in der Elektro- und Chemieindustrie sowie in der Produktionsautomatisierung (Fordismus-Taylorismus). Im Monopolkapital findet entsprechend eine Kräfteverschiebung von Kohle/Stahl zu Elektro/Chemie statt.

Die Erneuerung des fixen Kapitals im Wiederaufbau erzeugt Produktivitätsschübe mit entsprechenden Rationalisierungswellen. Wegen der oben angesprochenen Beschränkung des kapitalistischen Weltmarkts folgen Unterauslastung, Überproduktion und chronische Arbeitslosigkeit, Kredit- und Währungskrisen sowie die weltweite Agrarkrise.

Varga zeigt die Situation auf anhand des Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion. (siehe obige Tabelle)

Der imperialistische Staat spielt eine zunehmend aktive Rolle in der Wirtschaft. Der Kampf der Monopole und Monopolgruppen um Zugriff auf das Nationalprodukt ändert das spezifische Verhältnis von Monopolen und Staat. Keynes´ Theorie der Staatseingriffe bietet dazu die Rechtfertigung. Damit, verbunden mit der Doktrin der „Wirtschaftsdemokratie“, wird auch versucht, die Arbeiterklasse ideologisch zu entwaffnen.

Streikwellen und Revolutionen machen Zugeständnisse an die Arbeiterklasse notwendig. Weltweit nimmt die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in der kapitalistischen Welt von 8 Millionen (1906) auf 43 Millionen (1920) zu, in Deutschland von 2 auf 13 Millionen. In den Revolutionen nach 1917 geht die Arbeiteraristokratie/-bürokratie offen auf die Seite des Monopolkapitals über. Die daraufhin gegründeten kommunistischen Parteien und die 3. Internationale wachsen, werden aber geschwächt durch die erwähnten Rationalisierungswellen, in denen vor allem revolutionäre Kräfte aus den Betrieben geworfen werden. Der Marxismus-Leninismus verbreitet sich weltweit. Die revoltierenden unterdrückten Völker werden zu Verbündeten der „Proletarier aller Länder“.

Die alten Zwischenschichten werden weiter ruiniert, der Anteil der neuen Zwischenschichten (Angestellte in Verwaltung und Technik, Beamte) nimmt zu.

Militärische Konterrevolutionen (u.a. Russland, Bayern, Ungarn, Finnland, Spanien, China) dämmen den Sozialismus an der Macht für 25 Jahre auf die SU ein, der Imperialismus sucht – gesetzmäßig – den Ausweg aus der allgemeinen Krise in Faschismus und Krieg. Die „Proletarier aller Länder und unterdrückten Völker“ stellen sich unter Führung der kommunistischen Parteien und ihrer K.I. dagegen auf.

ab 1945 Zweite Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus

Ausgangspunkt ist das neue Kräfteverhältnis nach 1945:

Die Hoffnung der imperialistischen Großmächte, dass das faschistische Deutschland und die SU sich gegenseitig aufreiben, realisierte sich nicht. Der Widerspruch zwischen den Imperialisten erwies sich als stärker als der Widerspruch zwischen dem Imperialismus im Ganzen und dem Sozialismus.

Die SU ist 1945 geschwächt, aber siegreich auch dank der unerhörten Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit in der SU seit 1917. Die kommunistischen Parteien sind 1945 weltweit stark, wie auch die Hinwendung der Massen zum Sozialismus.

Das Hauptinteresse der zur dominierenden imperialistischen Macht gewordenen USA ist

1. der Erhalt ihrer imperialistischen Herrschaft und der kapitalistischen Ordnung insgesamt. Dazu müssen sie

2. die Widersprüche zwischen den Imperialisten unter Kontrolle bringen.

Dennoch entsteht das sozialistische Weltsystem mit dem RGW und in China, Vietnam und Korea. Befreiungsbewegungen gegen das Kolonialsystem schränken den kapitalistischen Weltmarkt weiter ein.

Die Eindämmung der Klassenkämpfe, der Bewegung zum Sozialismus und gegen den Kolonialismus erzeugt einen Dauerkriegszustand der USA. In Frankreich und Italien gelingt die Entwaffnung des antifaschistischen Widerstands v.a. durch starke US-Militärpräsenz. Deutschland wird geteilt, Westdeutschland wird zum „europäischen Flugzeugträger“ der USA.

Die USA versuchen die Widersprüche zwischen den Imperialisten durch NATO und EWG zu regulieren und zu dominieren: Die Interessen sollen dem Kampf gegen den Sozialismus untergeordnet werden. Die auf die BRD beschränkte deutsche Monopolbourgeoisie nutzt den Widerspruch zwischen beiden Zielen zum Wiederaufstieg aus. Westdeutschland wird remilitarisiert. Kriege sollen in Europa und Asien ausgefochten werden, von USA finanziert: Diese Doktrin der US-Imperialisten wird durch die Atom-Interkontinentalraketen der SU gestört.

Entwicklung der Produktivkräfte: Ein weiterer Aufschwung der Elektro-, Chemie- und Fahrzeugtechnik, auf Basis zunehmend automatisch gesteuerter Produktion, setzt sich in den imperialistischen Ländern breit durch, während die Entwicklung der abhängigen Länder behindert wird. Die militärisch wichtigen Wirtschafts- und Technologiesektoren Luft- und Raumfahrt, Mikroelektronik (IT), Atomforschung sowie Ölproduktion und -verteilung werden von den USA kontrolliert.

Wegen der andauernden Hochrüstungsproduktion entsteht eine lange Wiederaufbauphase ohne starke Unterauslastung. Unter dem Bretton-Woods-Währungssystem setzen die US-Imperialisten einen festen US-Dollar-Preis für Gold fest und einen festen Preis anderer Währungen für den US-Dollar. Damit zahlen die anderen Teilnehmernationen des Systems de facto Tribut an die USA.

Varga illustriert auch diese Situation mit dem Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion. (siehe obige Tabelle)

Die USA exportieren Kapital nach Europa, werden aber schwächer wegen ihrer zunehmenden Militärausgaben. Sie können Goldabfluss nicht verhindern, sind aber weiter militärisch dominant v.a. durch Atomrüstung. Die Suezkrise zeigt den Abstieg von Großbritannien und Frankreich und die Bedeutung der Atomrüstung. Das Bretton-Woods-System hält bis Anfang der 70er Jahre.

Auf die Befreiungsbewegungen reagieren die Imperialisten mit dem Neokolonialsystem, Scheinunabhängigkeit und Militärinterventionen.

Entwicklung der Klassen: weitere Konzentration der Monopolbourgeoisie und auch der nicht-monopolistischen Bourgeoisie. Weitere Abnahme der alten Mittelschichten, Zunahme der neuen. Zur ideologischen Befriedung der im antifaschistischen Widerstand zum Sozialismus neigenden Zwischenschichten spielen die Kirchen eine große Rolle.

Die Arbeiterklasse der imperialistischen Großmächte wird in der längeren (als 1924-1929) relativ stabilen Phase ideologisch befriedet hauptseitig durch eine Sozialdemokratie, die sich auf eine breite Arbeiterbürokratie stützen kann. Gewerkschafts-, Verwaltungs- und Regierungsposten auf Ebenen eher unterhalb der Zentralregierung stehen im Machtbereich der imperialistischen Großmächte in Millionenzahl für Sozialdemokraten zur Verfügung.

Varga formuliert: „Der SMK reift zur vollen Blüte“. In der Akkumulationsbewegung des Kapitals spielen Bankkapital und Staat eine zunehmende Rolle. Durch entsprechende Gesetzgebung greifen beide mit Staats- und Privatkredit zur Stärkung der Nachfrage zunehmend in den Reproduktionsprozess des Kapitals ein. Dabei nimmt auch die Rolle der Militarisierung in der Produktivkraftentwicklung und als Nachfragestütze zu.

ab 1958 Dritte Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus?

Eugen Varga beginnt das Kapitel VI seines Buchs von 1961 (Fussnote: E.S. Varga Ausgewählte Schriften 1918 – 1964, siehe oben Anmerkung 4, 3 Band, S. 97.), „die neue (dritte) Etappe der allgemeinen Krise des Kapitalismus“ mit dem Hinweis auf die Erklärung der Beratung von Vertretern der kommunistischen und Arbeiterparteien im November 1960 in Moskau: Varga zitiert die „Erklärung“:

Das sozialistische Weltsystem wird zum ausschlaggebenden Faktor der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft“. Varga zitiert weiter: „Der Triumph des Sozialismus in einer großen Gruppe Länder Europas und Asiens, die etwa ein Drittel der Menschheit umfasst; das mächtige Wachstum der Kräfte, die für den Sozialismus in der ganzen Welt kämpfen und die stetige Schwächung der Positionen des Imperialismus im ökonomischen Wettbewerb mit dem Sozialismus; der neue gewaltige Aufschwung des nationalen Befreiungskampfes und der immer raschere Zerfall des Kolonialsystems; die zunehmende Labilität des gesamten Wirtschaftssystems der kapitalistischen Welt; die die Zuspitzung der Widersprüche des Kapitalismus infolge der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus und des wachsenden Militarismus; die Vertiefung der Gegensätze zwischen den Monopolen und den Interessen der gesamten Nation; der Abbau der bürgerlichen Demokratie; die Tendenz zu autokratischen und faschistischen Regierungsmethoden; die tiefe Krise der bürgerlichen Politik und Ideologie – all das sind Beweise dafür, dass die Entwicklung der allgemeinen Krise des Kapitalismus in eine neue Etappe eingetreten ist.“ (Hervorhebung im Original)

Das Zitat ist vollständig wiedergegeben, weil so klar wird, dass alle genannten Faktoren für die Entwicklung der 3. Etappe ebenfalls in der 2. Etappe vorhanden sind. In der Darstellung der 2. Etappe nimmt Varga z.B. auch ausdrücklich auf den Sputnik-Schock und die Interkontinentalraketen der SU Bezug. Der qualitative Unterschied der 3. Etappe zur 2. Etappe muss also in der „stetigen Schwächung der Positionen des Imperialismus im ökonomischen Wettbewerb mit dem Sozialismus“ liegen. Hier liegt entsprechend die Fehleinschätzung der Moskauer Erklärung.

Fazit:

Die Theorie des SMK und der allgemeinen Krise baut im Kern bruchlos auf den von Marx und Lenin entwickelten Grundlagen der politischen Ökonomie auf. Mit ihrer Hilfe kann es gelingen, die gegenwärtige Bewegung des Klassenkampfs in seiner internationalen und nationalen Form konkret zu untersuchen, besonders durch die Verbindung der Analyse der zyklischen Krisen mit der „Allgemeinen Krise“.

Die qualitativen Entwicklungen der 1. und 2. Etappe sind nachvollziehbar und auch nach 1989 gültig. Das gilt nicht für die 3. Etappe. Zur Rehabilitierung der Theorie der allgemeinen Krise ist deshalb auf die Formulierung ihrer Entwicklung zurück zu gehen, die wir auf S. 14 des Buchs von Binus/Landefeld/Wehr finden: „… besonders aber nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Entstehen des sozialistischen Weltsystems und dem Zusammenbruch des Kolonialsystems, wird die allgemeine Krise im marxistischen Theoriegebäude über einige Jahrzehnte nicht nur aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus, sondern vor allem aus der Wechselwirkung des Kampfes beider Weltsysteme abgeleitet.“ (BLW S. 13/14).

Die Theorie der allgemeinen Krise sollte ihren Platz im „marxistischen Theoriegebäude“ haben und kann fruchtbar angewandt werden zur Analyse des heutigen SMK, wenn man Abstand nimmt von der einseitigen Ableitung „aus dem Kampf beider Weltsysteme“. Sie wird mit Leben erfüllt, wenn sie aus den Widersprüchen des Kapitalismus in ihrer Gesamtheit abgeleitet wird.

These:

Auf den Analysen zur 1. und 2. Etappe kann analog eine Analyse von den von Varga gründlich untersuchten 50er Jahren bis heute aufgebaut werden. Zu diskutieren wäre, ob man ab 1989 von einer 3. Etappe sprechen kann. Die Entwicklung 1945-1989 ist durchgängig gekennzeichnet vom Hauptinteresse des US-Imperialismus seine Dominanz zu erhalten, das Varga als grundlegend für die 2. Etappe festgestellt hat. Varga hatte dort festgestellt, dass aus dem Hauptinteresse, die Dominanz zu erhalten, zwei widersprüchliche, aber unauflösbar verbundene Unterziele folgen:

1. gegen das sozialistische Lager (das zurückgedrängt und vernichtet werden soll),

2. gegen die imperialistischen Konkurrenten (die unter Kontrolle gehalten werden müssen).

Hier haben sich die Kräfteverhältnisse nach dem Bruch 1989 verschoben. Bis 1989 war das Unterziel 2 dem Unterziel 1 leichter unterzuordnen. Nach 1989 haben sich nicht nur die Kräfteverhältnisse zwischen den Ländern und Staaten, sondern natürlich auch innerhalb derselben verschoben. Das wird gerade uns in Deutschland 25 Jahre später immer deutlicher.

Zu untersuchen wäre zunächst entsprechend Vargas Analysemethode die Zuspitzung der Widersprüche, die zum Bruch um 1989 geführt haben. Darauf aufbauend wäre die Entwicklung der Kräfteverhältnisse nach 1989 einzuschätzen. Mit Rücksicht auf das obige „Fazit“ würde diese neu belebte Theorie der allgemeinen Krise „mit Leben erfüllt, wenn sie aus den Widersprüchen des Kapitalismus in ihrer Gesamtheit abgeleitet wird“. Dabei müsste der Zusammenhang hergestellt werden zwischen den inneren Widersprüchen – Entwicklung der Produktivkräfte und entsprechend der Klassen und Schichten und den Resultaten ihrer politischen Auseinandersetzung – mit der Entwicklung der äußeren Widersprüche zwischen den imperialistischen Hauptmächten, den abhängigen und um Unabhängigkeit kämpfenden Ländern und den sozialistischen Ländern.

Stephan Müller

Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion

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Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion

1900

1913

1920

1929

1932

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258

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Eugen Varga (1879 – 1964)

Als Begründer der Theorie des SMK und der Allgemeinen Krise des Kapitalismus gilt Eugen Varga (ungarisch: Jenö, russisch Jewgeni Samuilowitsch Warga / Евге́ний Самуи́лович Ва́рга, geb. 1879 in Budapest, gest. 1964 in Moskau).

Jürgen Kuczynski (1904-1997): „Mein Lehrer Eugen Varga war der größte Politökonom des Kapitalismus in der Periode 1924 bis 1964 … Er war der Politökonom der Kommunistischen Internationale.

Eugen Varga wurde 1879 in Ungarn bei Budapest als Sohn eines Schreibwarenladenbesitzers geboren. Er wurde 1907 Handelsschullehrer. Als Mitglied der ungarischen sozialdemokratischen Partei schrieb er für deren Zeitung und dann auch für die „Neue Zeit“, dem theoretischen Organ der deutschen Sozialdemokratie. 1918 wurde er Professor für Nationalökonomie an der Universität Budapest, 1919 Vorsitzender des Volkswirtschaftsrats der ungarischen Räterepublik. Nach deren Niederschlagung emigrierte er nach Sowjetrussland.

Eugen Varga wurde von Lenin voll in die Arbeit der Kommunistischen Internationalen (KI) einbezogen. Bereits zum II. Weltkongress wertet Lenin Vargas Arbeit aus, seither stützten sich die KI bzw. die Weltkongresse und das EKKI auf Vargas Analysen, die auch heftig kritisiert wurden. Doch Lenin verteidigte ihn: „Wir brauchen volle und wahrheitsgetreue Information …“.

Besonders erwähnenswert sind seine Vierteljahresberichte zur Wirtschaftslage des Kapitalismus bis 1939, in denen er z.B. gegen alle bürgerlichen Einschätzungen die Weltwirtschaftskrise 1929-1932 konkret vorhersagte und sein Beitrag in der Vorbereitungskommission zum VII. Weltkongress 1935, auf den sich Dimitroff bei seiner Analyse des Faschismus stützen konnte. Eugen Vargas wissenschaftliche Nüchternheit war mit Kampfgeist verbunden, so dass er Diskussionen mit dem EKKI und auch Stalin nicht auswich. In der Diskussion um den Charakter des Staats 1947 wich Varga allerdings zurück. Er erklärte später, er habe das nicht getan, weil ihn „dazu irgendein Druck in der Sowjetunion zwang“, sondern weil die kapitalistische Presse ihn „in Gegensatz zur kommunistischen Partei“ bringen wollte. „Aber ich konnte nicht zulassen, dass ich nach einer Tätigkeit von fast einem halben Jahrhundert in den Reihen der internationalen Arbeiterbewegung vor der kapitalistischen Welt als Gegner meiner eigenen Partei hingestellt wurde.“ (E.S.Varga, Ausgewählte Schriften Band 3, S. 134)

Eugen Varga hinterließ 65 Vierteljahresberichte (ca. 2.000 Seiten), 500 wissenschaftliche Artikel und 75 Bücher.

Die wichtigsten Schriften Eugen Vargas, zusammen mit einer Bibliographie, wurden 1979 vom Institut für internationale Politik und Wirtschaft der DDR (IPW) herausgegeben, Bearbeiter Horst Heininger und Lutz Maier, bei Pahl-Rugenstein erschienen 1981, hier verwendet 2. Auflage 1982: E.S. Varga Ausgewählte Schriften 1918 – 1964, 3 Bände.

Biographische Kurzinfo nach: „Hervorragender Funktionär der internationalen Arbeiterbewegung und bedeutender marxistisch-leninistischer Wissenschaftler.“ Wissenschaftliches Kolloquium an der Karl-Marx-Universität Leipzig 1979, sowie J. Kuczynski: „Die Schule Eugen Vargas“, abgedruckt in J. Kuczynski, Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften, Bd. 7, Berlin 1977.

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II. Kongress der KI 1920: Die Begriffe „Staatsmonopolitischer Kapitalismus“ und „Allgemeine Krise“ hängen eng zusammen. Sie wurden voneinander abhängig entwickelt in der politökonomischen Diskussion der kommunistischen Weltbewegung nach 1918, im Rahmen der von Lenin initiierten Kommunistischen Internationale (KI).

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John Heartfield „Profit heißt Krieg“: „Die Kapitalisten teilen die Welt nicht etwa aus besonderer Bosheit unter sich auf, sondern weil die erreichte Stufe der Konzentration sie zwingt, diesen Weg zu beschreiten, um Profite zu erzielen; dabei wird die Teilung ,nach dem Kapital’, nach der Macht’ vorgenommen – eine andere Methode der Teilung kann es im System der Warenproduktion und des Kapitalismus nicht geben. “ (W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Lenin Werke Band 22, S. 257 f)