Für Dialektik in Organisationsfragen

Abschied von Genossen Thomas Schmitz-Bender

Am 23. August 2016 starb Genosse Thomas Schmitz-Bender im Alter von 73 Jahren.

Sein Beitrag für den Aufbau der Arbeiter-Basis-Gruppen, des Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD und für die Kommunistische Arbeiterzeitung war prägend für uns als Organisation und für die Genossen, die ihn kannten und gemeinsam mit ihm gekämpft haben.

Aus dem Kampf gegen die Notstandsgesetze 1968 entstanden überall in Westdeutschland Gruppen, die den Kampf für die Rechte und Interessen der Werktätigen fortsetzen wollten. In diesen Gruppen fanden sich nicht nur Studenten, sondern auch Arbeiter, alte erfahrene und junge, die sich fragten, wie es weitergehen soll nach der Niederlage, die nicht zuletzt der DGB mit seiner Ablehnung des Generalstreiks gegen die Notstandsgesetze der demokratischen Bewegung beigebracht hatte.

Genosse Thomas war Mitbegründer der Arbeiter-Basis-Gruppen in München (ursprünglich „Basis-Gruppen der Außerparlamentarischen Opposition“, gegründet im Juni 1968). Spontan wurde das scheinbar Nächstliegende angepackt: der Kampf an der Seite der Münchner Bevölkerung gegen die Einführung des „Weißen Kreises“ (d. h. die Aufhebung der Begrenzung der Mieten). Es wurde sogar zunächst erfolgreich gekämpft – aber als Schwerpunkt der Tätigkeit führte das doch bald an Grenzen. Es wuchs die Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse die einzige revolutionäre Klasse ist, dass ihre Macht aus den Betrieben kommt und dass die „Kämpfe der Arbeiter gegen den Kapitalismus (…) erst dann zum Erfolg (führen), wenn es über die gewerkschaftliche Organisierung hinaus die revolutionäre Organisierung und Führung der Arbeiter gibt“, wie es in einem Artikel, dessen Mitautor Genosse Thomas war, hieß. Aus all dem folgten zwei Konsequenzen: die Verlagerung des praktischen Schwerpunkts an und in die Betriebe (was nicht hieß, die Stadtteilarbeit total aufzugeben), und die theoretische und praktische Entwicklung hin zum Marxismus-Leninismus, was in organisatorischer Hinsicht hieß: zum Wiederaufbau der KPD beitragen. Dies führte auch zu heftigen Auseinandersetzungen in den Arbeiter-Basis-Gruppen, zu kleinbürgerlichen Bedenken.

Wenige Monate nach der Gründung der Arbeiter-Basis-Gruppen gründete sich die DKP. Sowohl in der oben geschilderten praktischen Hinsicht als auch in theoretischer Hinsicht wurde in den Arbeiter-Basis-Gruppen keine Möglichkeit gesehen, dort beizutreten.

In all diesen schwierigen Auseinandersetzungen spielte Genosse Thomas eine wesentliche positive Rolle.

In dieser Zeit eines gewissen Aufschwungs der Arbeiterbewegung begann der Kommunismus „in Mode“ zu kommen, es gab alle möglichen Gründungen von Zirkeln und angeblichen kommunistischen Parteien („KPD“, „KPD/ML“ etc.), und es gab „Einheitsbestrebungen“, die allerdings eher verhängnisvoll waren. Man war sich einig im „Antirevisionismus“, d. h. im Praktischen gegen die DKP. Die Arbeiter-Basis-Gruppen haben diese „Einheit“ sehr scharf bekämpft und die Aktionseinheit mit der DKP in den praktischen Kämpfen angestrebt und nachgewiesen, dass diese „antirevisionistische“ Einheit in Wirklichkeit nichts mit dem Kampf gegen den modernen Revisionismus zu tun hat. Bei diesen Zirkeln haben sich die Arbeiter-Basis-Gruppen auf diese Weise nicht gerade beliebt gemacht und auch das Verhältnis zur DKP blieb kompliziert. Genosse Thomas hatte sehr viel Anteil daran, dass in dieser Situation die revolutionäre Geduld die Oberhand behielt und der grundsätzliche Weg zum Wiederaufbau der KPD dem schnellen scheinbaren Erfolg durch „antirevisionistische“ Zusammenschlüsse oder einem unbedachten, weil nicht unserem Ziel dienenden Eintritt in die DKP vorgezogen wurde.

Die Arbeiter-Basis-Gruppen gaben sich eine Programmatische Erklärung, in der es unter der Überschrift „Zum Wiederaufbau der KPD beitragen“ hieß: „(…) es geht darum, den fortgeschrittensten, klassenbewusstesten und deshalb revolutionärsten Teil der Arbeiterklasse zu sammeln und das Zentrum zu schaffen, um das sich dieser Teil der Arbeiterklasse sammeln kann. Das heißt vor allem: Eine zentrale kommunistische Zeitung schaffen – die Richtschnur, die ständig die Linie zeigt, an der alle am Wiederaufbau der Kommunistischen Partei Beteiligten ihre Arbeit ausrichten können.“ Die Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ), die zum 1. Mai 1970 mit einer Nullnummer startete, hatte sich die Aufgabe gestellt, zur Schaffung dieser zentralen Zeitung beizutragen. Genosse Thomas hatte die KAZ mit gegründet und war über lange Jahre deren Redaktionsleiter. 1976 wurde bei einer Überprüfung der Arbeit mit der KAZ selbstkritisch festgestellt, dass die KAZ nicht die Aufgabe hat, ein weiteres Zentralorgan eines Zirkels unter vielen zu sein, sondern dass sie die Möglichkeit der Zusammenarbeit der für den Wiederaufbau der KPD in Frage kommenden Kräfte bieten muss. Auf Initiative von Genossen Thomas wurde dazu ein Vorschlag zur Zusammenarbeit vorgelegt „auf der – schließlich auch in Form einer gemeinsamen Plattform für die Zeitung vorstellbaren – Grundlage

– der Einheit im Ziel der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft ,

– in der Notwendigkeit der Errichtung der Herrschaft der Arbeiterklasse , um dieses Ziel erreichen zu können,

– in der von den Kommunisten seit jeher und in aller Welt ebenfalls bejahten Notwendigkeit des Kampfes gegen den Revisionismus

– und der Einheit in den Hauptfragen der Revolution in unserem Lande, als da sind, dass der Hauptfeind der Arbeiterklasse und des ganzen werktätigen Volkes der deutsche Imperialismus ist, der als schon wieder stärkste imperialistische Macht in Westeuropa mit Krieg und Faschismus schwanger geht, dass nur die Arbeiterklasse im Kampf gegen ihn die führende gesellschaftliche Kraft sein kann und dass der Hauptstoß gegen ihn zur Zeit zu führen ist auf der Linie der Einheit der sozialdemokratischen, parteilosen und kommunistischen Arbeiter zum Zweck der Isolierung der ihn stützenden Sozialdemokratie!

An der Erkenntnis, dass es sich hier um die Hauptfragen der Revolution in unserem Land handelt, hatte Genosse Thomas sehr viel Anteil. So an der Analyse, dass der deutsche Imperialismus mit Faschismus und Krieg schwanger geht (was damals in noch geringerer Weise als heute Allgemeinwissen war). Dies wurde im Dezember 1970 in der KAZ konkret benannt unter dem Titel „So rüsten sich die Rechten“. Dort wird die braune „Sammlungsbewegung zur Rettung des Vaterlands“ um F.J. Strauß dargestellt und als Konsequenz genannt: „Wenn sich heute die Faschisten wiederum sammeln, ein Kreis von Großkapitalisten Strauß aufzubauen beginnt, dann ist dies ein Anfang. Ihn erkennen, heißt: jetzt alles tun, um die Arbeiterklasse zu stärken, die als einzige Klasse ein unmittelbares Interesse an der Errichtung der Demokratie der Werktätigen, dem Sozialismus, hat und die am entschiedensten für die Erhaltung und Erweiterung der Rechte innerhalb der bürgerlichen Demokratie kämpft“.

Gerade Genosse Thomas hat in den siebziger Jahren ständig an der Frage der Aufgaben der Arbeiterklasse im demokratischen Kampf weitergearbeitet. Es ist ein Ergebnis dieser Arbeit, dass es im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der Arbeiter-Basis-Gruppen 1970/71 heißt, „dass der antifaschistische Kampf eine notwendige Etappe des Kampfes der westdeutschen Arbeiterklasse ist, dass insofern die Abwehr des faschistischen Angriffs der Monopolbourgeoisie ein Etappenziel auf dem Weg zum Ziel der Diktatur des Proletariats und der schließlichen klassenlosen kommunistischen Gesellschaft ist.“

Auch in der aus seiner Feder stammenden Geschichtsschreibung „10 Jahre Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD – 10 Jahre Antwort auf die Frage ‚Was tun?“ findet man Antworten zu Fragen des demokratischen Kampfes, auf die wir uns heute stützen können und müssen. So schrieb er in der Kritik des westdeutschen Grundgesetzes, dass „die minimalste Form der Verarbeitung unserer geschichtlichen Erfahrungen ist: Eine klare antifaschistische Stoßrichtung und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen! Dies schließt keineswegs die demokratischen Kämpfe aus, die die Frage stellen: Proletarische oder bürgerliche Demokratie, wie es im Ansatz die Drucker taten, wenn sie unverhohlene Kampfartikel gegen die Arbeiter nicht mehr druckten, also in der Tat an die Pressefreiheit der Besitzenden rührten, oder wenn sie gar Anstalten machten, auf den von ihresgleichen geschaffenen Maschinen statt der des Unternehmers ihre eigene, die Meinung der Arbeiter zu drucken.“ Und als Lehre aus der faschistischen blutigen Beseitigung der Regierung der Unidad Popular in Chile heißt es in dieser Geschichtsschreibung: „Wer ‚Ja‘ sagt zu der Möglichkeit, dass die Arbeiter ihre Erfahrungen mit der Verwirklichung der auf dem Boden der kapitalistischen Ökonomie möglichen Demokratie machen, der muss auch ‚Ja‘ sagen zur Absicherung dieser Möglichkeit! Wer als Demokrat für diese Möglichkeit ist (und sei es gerade deswegen, weil er an die Überzeugungskraft dieser Demokratie glaubt), von dem ist darum auch zu verlangen, dass er den Arbeitern dabei auch das Recht ‚zugesteht‘, sich zu bewaffnen. ‚Auflösung der Polizei, ihre Ersetzung durch eine bewaffnete Arbeitermiliz usw.‘, ebenso die anderen Grundforderungen, deren Verwirklichung Genosse Dimitroff von einer Einheitsfrontregierung verlangt, wie ‚z. B. Produktionskontrolle, Kontrolle über die Banken‘ – das alles sind demokratische Forderungen.

Eine große Rolle in der politischen Arbeit von Genosse Thomas spielte die Solidarität mit dem Kampf des vietnamesischen Volkes. Mit dem Vietnamkomitee für Frieden und Befreiungskampf setzte er sich für eine Art der Solidarität ein, die weit über das bürgerliche Mitleid mit den geschundenen Menschen in Vietnam hinausging, sondern in der die Solidarität mit dem Kampf gegen den imperialistischen Aggressor im Vordergrund stand. Dabei waren zwei Dinge immer Bestandteil dieser Solidarität: erstens, der Angriff gegen den deutschen Imperialismus, der den Krieg gegen Vietnam unterstützte, um sich selbst daran zu stärken. Und zweitens, die Tatsache, dass die beste Unterstützung des vietnamesischen Volkes der Klassenkampf im eigenen Land ist.

Nach dem Sieg des vietnamesischen Volkes arbeitete Thomas mit an einer organisatorischen Zusammenfassung der verschiedenen Strömungen der Vietnam-Solidarität, um das vietnamesische Volk auch bei den Mühen der Ebene zu unterstützen. „Vietnam bleibt unsere Sache!“ – aus dieser Gewissheit heraus beteiligte sich Genosse Thomas aktiv an der Gesellschaft für die Freundschaft zwischen den Völkern in der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Republik Vietnam und war bis zu seinem Tod Mitglied ihres Vorstandes.

Ein großes Thema für Thomas war die Entwicklung der Produktivkräfte. Entgegen der sich verbreitenden Angst vor der Kernenergie wies er nach, dass dem Kapital in Wirklichkeit die Unfähigkeit der Nutzung der Atomenergie vorzuwerfen ist. Mit der aus seiner Feder stammenden Resolution „Für Atomenergie und Sozialismus“ machte sich der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD beim demokratischen Kleinbürgertum kaum Freunde – gab aber die im Sinne der Arbeiterklasse einzig mögliche Antwort. Thomas arbeitete mit Leidenschaft an diesem Thema und studierte regelmäßig technisch-wissenschaftliches Material. Obwohl er gar nicht „vom Fach“ war, scheute er nicht den Streit mit ausgebildeten Naturwissenschaftlern, die kleinbürgerliche Ängste pflegten und seiner dialektisch-materialistischen Haltung nicht das Wasser reichen konnten. Wer ihn kannte, merkte auch, wie sehr dieses große Interesse an der Entwicklung der Produktivkräfte mit seiner Zuversicht in die Zukunft, mit seiner offensichtlichen Lebenslust und Heiterkeit zusammenhing.

Dass das Proletariat seine Kraft noch nicht wieder zeigt, war für Genossen Thomas kein Hindernis, den proletarischen Standpunkt in ungewohnter Größe so zu präsentieren, dass niemand daran vorbei kam. 1981 – die kleinbürgerliche Furcht vor der atomaren Bedrohung durch die „Supermächte“, ein wachsender gefährlicher Chauvinismus und Nationalismus trieb 300.000 Menschen zum Regierungssitz Bonn. Die Arbeiterklasse, der demokratische Kampf – der seit 1977 noch mal kurz einen Aufschwung genommen hatte – all das war vergessen, tauchte im öffentlichen Leben immer weniger auf. Es war Genosse Thomas‘ Idee, wie man das Wichtigste wieder in Erinnerung rufen kann, gegen kleinbürgerliche Furcht und Chauvinismus. Sein Vorschlag war es, ein 100 Meter langes Transparent im Bonner Hofgarten zu halten mit der Aufschrift: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land – und der heißt: Deutscher Imperialismus!

Zum 80. Geburtstag von Bertolt Brecht (1978) schrieb Genosse Thomas: „Wo man aber das Selbstverständliche nicht mehr als selbstverständlich, das lange nicht Geänderte nicht mehr als unveränderbar nimmt, da erkennt man sich als Produzent. Und in einem Theater, das dies vermag, wird die Produktivität zur Hauptquelle der Unterhaltung, gibt es zwei Spieler, den Schauspieler und den Zuschauer, und ist der letztere der wichtigere Mitspieler, wie Brecht einmal sagte.“

Es war ein Wesenszug von Thomas, dass er solche Sätze nicht hinschrieb, ohne schon in seinem Kopf die praktische Entsprechung entstehen zu lassen. So entstand die Idee, das Gedicht „Der anachronische Zug oder Freiheit und Democracy“ von Bertolt Brecht auf die Straße zu bringen. Das erste Mal geschah dies mit dem „Zug für Carstens“ 1979 anlässlich der Wahl des Altnazis Carstens zum Bundespräsidenten. Das zweite Mal war es der Zug „Brecht statt Strauß“, der 1980 allen Polizeischikanen trotzend drei Wochen lang durch die ganze Republik zog. Die Losung der CSU „Freiheit statt Sozialismus!“ wurde mit dialektischer List variiert, da hieß es z.B. „Freiheit statt Butter“, „Freiheit statt Befreiung“, „Freiheit statt Enteignung“, „Freiheit statt Unglauben“, und da wo eine Nazibande dargestellt wurde, hieß die Losung „Freiheit statt Kommunismus“. „Brecht statt Strauß“ mobilisierte viele von denen, die einfach nur Strauß, den Führer der „Sammlungsbewegung zur Rettung des Vaterlands“ nicht auch noch zum Bundeskanzler haben wollten. Gleichzeitig gab dieser Zug denen viel mit, die bereit waren, in der Umkehrung der satirischen „Freiheitsforderungen“ ein ganzes Programm der klassenbewussten Arbeiter zu sehen.

Genosse Thomas begründete so seinen Ruf als Regisseur, wurde mit dem Anachronistischen Zug und mit weiteren derartigen Aktionen populär unter Antifaschisten, unter Gewerkschaftern. Natürlich war er kein Regisseur der üblichen Art, sondern nach der Art, wie er selbst 1978 das Brecht’sche Theater beschrieben hat.

1990 trennten sich die Wege von Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD und Kommunistischer Arbeiterzeitung und damit auch die von uns und Genosse Thomas. Es hat Auseinandersetzungen gegeben, die für beide Seiten bitter waren. Aber jetzt in diesem Moment sehen wir die Bilanz eines Lebens, das einen großen Nutzen für die Sache des Proletariats hatte. Ein Unentbehrlicher muss ersetzt werden.

Wir werden das, was wir mit ihm und von ihm gelernt haben, für unseren Kampf nutzen. Das ist unser Gruß an Genossen Thomas Schmitz-Bender.

KAZ-Fraktion „Für Dialektik in Organisationsfragen“