KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Klassenkampf und Widersprüche im Sozialismus

90 Jahr Kommunistische Partei Chinas

Der Baum möchte still sein,
aber der Wind ruht nicht.
Mao Zedong

Man darf nicht vergessen, dass man zugrunde gehen kann
unter Verhältnissen, wo die Schwierigkeiten zwar groß sind,
der Untergang aber nicht im allergeringsten zwangsläufig ist.
W. I. Lenin

In einem Wohnhaus in Shanghai, eine der wichtigsten Gedenkstätten nicht nur der VR China, sondern auch für alle Kommunisten weltweit, fanden sich 13 entschlossene Revolutionäre im Juli 1921 zur Gründung der Kommunistischen Partei Chinas zusammen. Sie vertraten 52 Mitglieder kommunistischer Gruppen des Landes. 1949 eroberte die Arbeiter- und Bauernbewegung, geführt von der Kommunistischen Partei Chinas unter Mao Zedong, in China schließlich die Macht.

Das war das Ergebnis von 28 Jahren schwerer Opfer, großer Aufstände und siegreicher Kämpfe gegen die japanischen Invasoren und das proamerikanische Regime Tschiang Kaischeks. Die Geißel der Unterentwicklung, rücksichtslose Ausplünderung des Landes und der menschlichen Arbeitskraft durch Großgrundbesitzer, Kapitalisten und Imperialisten hatten Hunger, Krankheit, Seuchen und Schutzlosigkeit vor Naturkatastrophen zu normalen Bestandteilen dieser künstlich geschaffenen und aufrechterhaltenen Unterentwicklung gemacht. Über die Verhältnisse in Shanghai im Jahr 1936 schrieb ein englischer Schiffsarzt folgendes:

Imperialismus. Im Hafen von Shanghai ... lagen Kriegsschiffe aus allen Ländern der Welt, trieben Seeleute auf den Straßen, was sie wollten, nur an ihre eigenen Gesetze gebunden. Die Stadt war aufgeteilt in internationale und französische Distrikte. Weder die einen noch die anderen unterstanden chinesischer Gerichtsbarkeit. Kriminelle brauchten nur von einem Distrikt in den anderen zu gehen, um dem Gesetz zu entfliehen. Dies galt nicht für Kommunisten. Sie wurden auf Verlangen ausgeliefert. Die Polizeioffiziere waren Ausländer, und die chinesischen Polizisten unter ihrem Befehl trugen ausländische Uniformen. Ich ging zur englischen Bank, um einen Scheck über 10 Pfund einzulösen. Es war ein riesiges imposantes Gebäude mit Säulen aus Granit und marmornen Aufgängen. ... Während ich einen Sikh-Wachposten um Rat fragte, schlich sich ein chinesischer Händler vorbei in der Hoffnung, innen seine Zigaretten verkaufen zu können. Der Sikh entdeckte ihn, stieß ihm brutal den Gewehrkolben in die Seite und warf ihn die Marmorstufen hinunter. ,Entschuldigen Sie’, sagte er zu mir, ,die glauben, diese Bank gehört ihnen.’“ (Fussnote: Joshua S. Horn, Arzt in China – Medizin und Menschlichkeit nach der Revolution, Rowohlt Taschenbuchverlag Hamburg 1975, S. 23. Der Verfasser arbeitete von 1954 bis 1969 als Chirurg, Lehrer und proletarischer Landarzt in China.)

Die imperialistische Unterwerfung Chinas hatte aber auch die Voraussetzungen geschaffen, die die große Mehrheit des chinesischen Volkes – die armen und geknechteten Bauernmassen, das ländliche Proletariat und die vor allem in den Städten konzentrierte fortschrittliche Intelligenz sowie das Industrieproletariat – in die Revolution regelrecht hineinwarfen. „Nur der Sozialismus kann China retten!“ – diese von der Kommunistischen Partei Chinas ausgegebene Parole fasste die Einzelkämpfe zusammen und begründete die führende Rolle des Industrieproletariats bei der Schaffung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse jenseits von kapitalistischer Ausbeutung und imperialistischer Barbarei.

Obwohl China ein Agrarland war, konnte seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Befreiung 1949 die Ernährung seiner Bevölkerung nicht mehr sichergestellt werden. Die oft auch von bürgerlichen Beobachtern und Autoren bewunderten Leistungen des neuen China im Kampf gegen die Folgen der Unterentwicklung sind gleichzusetzen mit den Erfolgen im Kampf um die nationale Unabhängigkeit, um die Befreiung von der politischen Unterdrückung durch den Imperialismus und die Sicherung der sozialen Revolution, oder besser: ihnen unterzuordnen. Die ersteren hätte es ohne die letzteren nicht gegeben.

Damit hat aber die VR China unter Führung der Kommunistischen Partei nicht nur die besonderen Probleme eines Entwicklungslandes angepackt und im Wesentlichen erfolgreich gelöst, sondern es hat mit dem Übergang zum Sozialismus eine soziale Umwälzung begonnen, die auch für die Völker Europas und Amerikas beispielhaft sein kann, weil sie über die chinesischen Besonderheiten hinaus gültige und zukunftsweisende Erfahrungen im weltweiten Kampf für den Sozialismus gebracht hat.

Proletariat oder Bourgeoisie

Die Geschichte des Kommunismus – in Parteien wie Staaten – belegt, dass in wiederkehrenden Zeitabständen – wenn Widersprüche zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften aufbrechen – erst das Bewusstsein, dann das gesellschaftliche Sein revolutioniert wird, ja werden muss; sonst wären Kapitalismus und imperialistische Unterentwicklung nirgendwo jemals überwunden worden. Schon die unter Führung der kommunistischen Partei Chinas durchgeführte „nachholende demokratische Revolution“ (Beseitigung feudaler Überreste in der Landwirtschaft, Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und Entwicklung einer nationalen kapitalistischen Industrie) war Teil des revolutionär-sozialistischen Weges zur klassenlosen Gesellschaft.

Wir wissen, dass die Massen die Geschichte machen. Dass die politische Macht der Arbeiterklasse in Gestalt der Kommunistischen Partei und die Entfaltung der sozialistischen Demokratie es ermöglichen, Probleme anzugehen und zu lösen, die in den vom Imperialismus in der Unterentwicklung gehaltenen Ländern ebenso wie in den entwickelten kapitalistischen Ländern selbst von der Bourgeoisie immer wieder als naturgegeben und somit unlösbar hingestellt werden.

Wir wissen aber auch, dass jede Revolution, jede revolutionäre Tat Menschen braucht, die sich mit ihrer ganzen Person, ihrem Leben, ihrer ganzen Persönlichkeit für die Sache einsetzen – die hervortreten aus der Masse und damit auch immer ihren Kopf hinhalten. Das Verhältnis der Massen zu den Menschen, die sie sich an die Spitze gewählt haben, kann umschlagen in ein Verhältnis von Führern zu Geführten, in ein Verhältnis wo nur noch aufgeblickt wird, auf den erhabenen, fast übermenschlichen Menschen der da vorne, bzw. da oben steht. Schnell setzt dann das Motto „er wird’s schon richten“ ein und damit eigentlich der Zeitpunkt, wo die Massen ihr Verhältnis zu den „Führenden“ überprüfen und sich ggf. von ihnen emanzipieren müssen.

Um die Emanzipation der Massen von „Führenden“, die abgehoben und lebensfremd, bürokratisch und formalistisch, befehlend und teils sich bereichernd den unterdrückten Klassen in China zum Hemmnis ihrer Emanzipation wurden, darum ging es in China in erster Linie insbesondere während der Großen Proletarischen Kulturrevolution.

Joachim Schickel übersetzte1967 das chinesische Wort für diese Kulturrevolution folgendermaßen ins Deutsche: „Die Massen ändern den Auftrag: Herrschen sollen Alle, denen die Produktionsmittel zukommen; damit sie Kultur haben können – die Massen selber; historia facit saltum“ (die Geschichte macht einen Sprung – der Verf.). (Fussnote: Kursbuch 9 Juni 1967, Suhrkamp Verlag Frankfurt, S. 48, Joachim Schickel, Dialektik in China – Mao Tsetung und die Große Kulturrevolution.) Der geänderte Auftrag in Form der Kulturrevolution – eben die so oft zitierte Permanenzerklärung der Revolution im Marx’schen Sinne (Fussnote: MEW Bd. 7, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, S. 89, III – Folgen des 13. Junis 1849.) – das bedeutete die Mobilisierung der Massen. In den Fabriken wuchs die Begeisterung der Arbeiterklasse angesichts der Möglichkeit, gegen die Rechten Kritik üben zu können – zum ersten Mal konnten Arbeiter die administrative Elite kritisieren.

Die Kulturrevolution – als Revolution innerhalb des gesamten sozialistischen Revolutionsprozesses – wurde von allen großen Führern der Arbeiterklasse als entscheidender Schritt zum Aufbau des Sozialismus erkannt. Sie war die Voraussetzung, um den Millionenmassen der armen Bauernschaft eine aktive Rolle zu verleihen beim Aufbau der neuen Gesellschaft, um sie mit Hilfe des Genossenschaftswesens, der Kollektivierung in Besitz zu nehmen. Sie hat die Aufgabe, das Proletariat umzugestalten, seine führende Rolle beim Aufbau der neuen Gesellschaft herauszubilden. Entscheidend hierfür sind die „kulturellen Kräfte“ der Avantgarde des Proletariats, der Partei. (Fussnote: Unsere Gegner hielten uns oft entgegen, es sei ein sinnloses Beginnen von uns, in einem Land mit ungenügender Kultur den Sozialismus einführen zu wollen. Aber sie irrten sich, und zwar deshalb, weil wir nicht an dem Ende anfingen, an dem es nach der Theorie (von allerlei Pedanten) hätte geschehen sollen, und weil bei uns die politische und soziale Umwälzung jener kulturellen Umwälzung vorausging, der wir jetzt dennoch gegenüberstehen.
Uns genügt nun diese Kulturrevolution, um ein vollständig sozialistisches Land zu werden, aber für uns bietet diese Kulturrevolution ungeheure Schwierigkeiten sowohl rein kultureller (denn wir sind Analphabeten) als auch materieller Natur (denn um Kultur zu haben, braucht man eine bestimmte Entwicklung der materiellen Produktionsmittel, braucht man eine bestimmte materielle Basis).“
(Lenin, Über das Genossenschaftswesen, LW Bd. 33, S. 460 f)
„Die Frage der kulturellen Kräfte der Arbeiterklasse ist eine der entscheidenden Fragen. Warum? Weil von allen herrschenden Klassen, die es bisher gegeben hat, die Arbeiterklasse als herrschende Klasse eine gewisse – und nicht ganz günstige – Sonderstellung einnimmt. Alle herrschenden Klassen, die es bisher gegeben hat – Sklavenhalter, die Grundherren, die Kapitalisten – waren gleichzeitig Klassen der Reichen. Sie hatten die Möglichkeit, ihren Kindern die für die Verwaltung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln. Die Arbeiterklasse unterscheidet sich von ihnen unter anderem darin, dass sie keine reiche Klasse ist, dass sie früher nicht die Möglichkeit hatte, ihren Kindern die für die Verwaltung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, sie hat diese Möglichkeit erst jetzt, nach ihrem Machtantritt erhalten.
Eben hieraus ergibt sich unter anderem die Dringlichkeit, die der Frage der Kulturrevolution bei uns zukommt.“
(Über die Arbeiten des vereinigten Aprilplenums des ZK und der ZK– Referat in der Versammlung des Aktivs der Moskauer Organisation der KPdSU(B) am 13. April 1928, SW Bd. 11, S. 34.
)

Kultur wird hier in dem umfassenden Begriff der Bewusstseinsentwicklung begriffen, die die Hegemonie des Proletariats nicht nur in den Machtstellungen der Ökonomie, sondern auch der Politik, des Militärs und natürlich des gesamten Überbaus aus Kunst, Literatur, Recht usw. erkämpft. (Fussnote: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muss man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten.
(K. Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Vorwort, MEW Bd. 13, S. 8 f.)
)

In der VR China wurde z. B. die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangetrieben, deren Höhepunkt die Volkskommunen (das „Genossenschaftswesen“, von dem Lenin spricht) darstellten.

Gemäß der dialektischen Gesetzmäßigkeit „Eins teilt sich in zwei“ standen folgende Fragen zur Lösung an:

– Welchen Weg würde die Bauernschaft einschlagen? Privatinteresse durchsetzen auf höherer Vergesellschaftungsstufe? Oder den Weg zum Dienst am Volk einschlagen, dem Proletariat in den Städten zu Hilfe kommen?

– Wohin würde die Intelligenz gehen? Verherrlichung des großen Erbes der chinesischen Kultur, das aber durch Repräsentanten der Sklavenhalter, der Grundherrn und der Bourgeoisie geprägt ist (eine Debatte, die Brecht, Eisler u. a. auch in der DDR zu führen hatten) und das dem bürgerlichen Nationalismus die Tore öffnen kann? Oder Aufbruch zu einer Kultur, die das Proletariat in seinem Befreiungskampf auf dem Weg zum Kommunismus unterstützt?

– Und wohin würden die Arbeiter selber gehen? Den Machthabern folgen, die den von Chruschtschow vorgezeichneten kapitalistischen Weg gingen den Weg des „Gulasch-Kommunismus“ oder den der Subbotniks, d. h. den opfervollen Weg finden als Herren ihrer eigenen Zukunft, deren Umrisse erst im Entstehen war. Dabei kam alles auf die Avantgarde an. Würde sie dem von der KPdSU unter ihrem Generalsekretär Chruschtschow eingeschlagenen Weg folgen, der – wie wir heute wissen – zu Gorbatschow und zum Sieg der offenen Konterrevolution geführt hat? Würde sie sich der unter Lenin und Stalin erworbenen (und von Chruschtschow untergrabenen und verspielten) Autorität des ersten sozialistischen Landes unterwerfen oder würde sie im volkreichsten Land der Welt, im rückständigen und ausgebluteten China, ihren eigenständigen Beitrag zur proletarischen Weltrevolution leisten können – notfalls auch ohne oder sogar gegen die Sowjetunion?

Die chinesischen Genossen unter der Führung von Mao Zedong konnten dazu auf einen reichen Schatz an Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus und der Errichtung der Diktatur des Proletariats zurückgreifen: positive und negative Erfahrungen, Siege und Niederlagen. Die Anwendung dieser Erfahrungen auf die chinesischen Verhältnisse und die Verallgemeinerung der eigenen Erfahrungen sind entscheidende Beiträge zur Weiterentwicklung der revolutionären Theorie und Praxis. Ein besonderes Verdienst kommt dabei dem großen Schüler und Lehrer des dialektischen Materialismus, dem Marxisten-Leninisten und Revolutionär Mao Zedong zu.

Unter Mao Zedongs Führung wurde:

– die Dialektik (wieder) in den Mittelpunkt gestellt, um anstehende Aufgaben und Fragen zu lösen, um das eigene Denken permanent zu revolutionieren. Mao Zedong hat die Gesetzmäßigkeiten und die Allgemeingültigkeit des Widerspruchs, seiner verschiedenen Seiten (z. B.: Haupt- und Nebenwiderspruch, Einheit und Kampf), seiner Entwicklung (z.B.: Quantität/Qualität, Sprünge, „eins teilt sich in zwei und wird wieder eins“) und seiner Wechsel (z.B.: antagonistische Widersprüche wandeln sich zu nicht-antagonistischen und umgekehrt), zusammengetragen und zusammengefasst. (Fussnote: Damit konnte sich auch wieder der dialektische Materialismus durchsetzen, der die Bewegung der Dinge hervorhebt, der die Ewigkeit in alle Ewigkeit verdammt, der „die Einheit der Gegensätze in allem“ sieht und der davon ausgeht, dass „kein Ding bestehe ohne Widerspruch in sich“ (zit. nach: Joachim Schickel: Dialektik in China, Kursbuch 9, 1967, S. 90).
Daher ist die Hauptseite aller Dinge: Streit und Kampf. Harmonie und Frieden sind selten, also relativ. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass die chinesischen Genossen sehr offen mit ihren Widersprüchen und Linienkämpfen umgegangen sind. Abweichungen waren nichts abnormales, sondern etwas, was sich ändern lässt:
Einheit (ausgehend vom Wunsch nach Einheit der Partei, des Landes) – Kritik (Kampf der Linien, der Meinungen der Ansichten) – Einheit (und der Kreislauf kann von vorne beginnen).
)

– statt Revisionismus – revolutionärer Marxismus-Leninismus, statt Bürokratismus und Routinestil – die Massenlinie, statt Dogmatismus – Kritik und Selbstkritik; statt linkem und rechtem Opportunismus – Klassenkampf praktiziert. (Fussnote: Für das Verständnis des Mao-Zedong-Denkens gelten folgende Schriften als Grundlage: Vier philosophische Monographien: „Über die Praxis“ (1937), „Über den Widerspruch“ (1937), „Woher kommen die richtigen Ideen der Menschen?“ (1963), „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“ (1957); die drei ständig zu lesenden Schriften: „Yü Gung (chin.: der alte Narr oder der närrische Alte) versetzt Berge“, „Gedenken an Bethune“, „Dem Volke dienen!“; Texte vor und zur Kulturrevolution: „Die Zehn großen Beziehungen“ (1956), „Weisung des ZK. am 4 Mai 1966“, „Bombardiert das Hauptquartier“ Mao Zedongs Wandzeitung vom 5. August 1966 und die bekannte Schrift zur Frage der Revolutionen im Imperialismus: „Über die Neue Demokratie“)

Die Theorie der Dialektik ist bei ihm daher unmittelbar auf die Praxis bezogen und intendiert eine neue Praxis der Philosophie, in der die Massen als Schöpfer der Geschichte die Dialektik bewusst anwenden. „Die Philosophie soll aus der Haft der Hörsäle und der Bücher der Philosophen befreit und zu einer scharfen Waffe in den Händen der Volksmassen werden.“ (Fussnote: Peking-Rundschau 26/1974, S. 5.) Dieses Praktischwerden der Dialektik schließt die weitere Ausarbeitung der Theorie nicht aus. Entscheidend ist, dass die Weiterentwicklung der Theorie nicht von ihrer Popularisierung getrennt wird (Fussnote: Das Modell der Dialektik von Popularisierung und Hebung des Niveaus findet sich in Maos Rede bei der Aussprache über Literatur und Kunst in Yenan, AW Bd. III, S. 75 ff.), sondern auch der akademische Unterricht, dem Prinzip des „Unterrichts bei offener Tür“ folgend, an aktuellen Problemen in Fabriken, Volkskommunen usw. ausgerichtet wird. Die Popularisierung der Dialektik soll zugleich ein Umdenken bei den Intellektuellen bewirken, den Bezug der Theorie zur Praxis konkret zu begreifen und die Theorie entsprechend weiterzuentwickeln. Wie umgekehrt die Hebung des Niveaus der bewussten Anwendung der Dialektik durch die Massen dazu beitragen soll, zunehmend den Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit aufzuheben.

Es ist daher nur folgerichtig, dass dieser Versuch, die Dialektik zur Sache mehrerer hundert Millionen Menschen zu machen, zunächst sehr elementar ansetzt (Fussnote: Ähnliche Vorwürfe werden immer wieder auch gegen Stalin erhoben. Dazu schreibt Hans Heinz Holz: „Stalin hat sich in seinen theoretischen Arbeiten – vor allem mit dem Kapitel über historischen und dialektischen Materialismus im Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU – vor allem an die breiten Massen gewandt, die durch Bildungsarbeit überhaupt erstmals erfasst wurden. Er hat mit einer bewundernswerten didaktischen Fähigkeit die schwierigen Fragen einer dialektischen Philosophie und Gesellschaftstheorie in einer auch für wissenschaftlich ganz unerfahrene Leser verständlichen Form dargestellt. … Anfang der dreißiger Jahre, vor Stalins Schrift, als in der kommunistischen Weltbewegung allenthalben das Bedürfnis nach lehrgerecht aufgebauten Grundrissen des dialektischen und historischen Materialismus bestand, haben bedeutende marxistische Philosophen in Westeuropa dieselben (und fast bis in den Wortlaut hinein gleichen) Systemschemata ausgearbeitet – ich nenne nur Max Raphael (1934) und Georges Politzer (1935).“
Vorabdruck. „Theorie als materielle Gewalt. Die Klassiker der III. Internationale“ von Hans Heinz Holz, jW 14.03.2011, S. 10 f.
)
. Dennoch sind auch die vielfach als Verflachung der materialistischen Dialektik herabzitierten „Hundert Beispiele zur Illustration des Gesetzes der Einheit der Gegensätze“ (Fussnote: Eins teilt sich in zwei – Hundert Beispiele zur Illustration des Gesetzes von der Einheit der Gegensätze, Arbeiterbuch GmbH Hamburg 1971.), die zu Beginn der Kulturrevolution veröffentlich wurden, von der Sache her alles andere als banal. In ihnen schildern Arbeiter, Bauern und Soldaten ihre Versuche, Probleme der Produktion, Ausbildung usw. mit Hilfe der dialektischen Methode zu lösen.

Materialistische Dialektik lässt sich sicher nicht darauf reduzieren, sie muss sich aber, wenn ihr Anspruch ernst genommen wird, gerade auch in diesen Fragen bewähren.

Die Erkenntnisgesetze werden anfangs nur von einer geringen Zahl von Menschen verstanden, später dann von einer größeren Zahl. Von der Nicht-Erkenntnis zur Erkenntnis muss man den Prozess der Praxis und des Lernens durchlaufen. Zu Anfang versteht keiner [etwas]. Es gab nie Wissen und Bewusstsein von vorneherein. Die Menschen müssen über die Praxis Erfolge erringen und Niederlagen erleiden, wenn Probleme auftauchen. ... Erst wenn man viele Siege und Niederlagen erlebt hat und außerdem gewissenhaft geforscht hat, kann man schrittweise die eigenen Erkenntnis in Einklang mit den Gesetzen bringen. (Fussnote: Mao Zedong, Das machen wir anders als Moskau! Rororo aktuell Hamburg August 1975, S. 47.)

Mao Zedong sah daher entscheidende politische Widersprüche ebenso in der Partei selbst, die insbesondere im Verlauf der Kulturrevolution durch ihn in Frage gestellt wurde: „Die sozialistische Revolution richtet sich nun gegen sie selbst ... Man macht die sozialistische Revolution und weiß nicht, wo die Bourgeoisie sitzt; sie sitzt mitten in der Kommunistischen Partei – es sind die Parteimachthaber, die den kapitalistischen Weg gehen.“ (Fussnote: Peking-Rundschau 14/1976, S. 4.)Es entspricht der Konsequenz seiner Auffassung der Dialektik, die Struktur und Praxis der Partei selbst in Frage zu stellen und neue Formen des Zusammenspiels von Partei und Massen zu praktizieren, wenn die Partei in Widerspruch zu der gesellschaftlichen Entwicklung gerät. Die Partei war für Mao nie Selbstzweck, sondern Mittel der Unterdrückten zur Veränderung der Welt und gleichzeitig Spiegelbild der Gesellschaft und ihrer Klassen und Schichten in ihrer jeweiligen Entwicklungsphase.

Und Maos Konsequenz, dass Widersprüche und Revolutionen auch in Zukunft unvermeidlich sein werden, geht von der Parteinahme für die Interessen der Massen und gegen jede Form ihrer Unmündigkeit und Unterdrückung aus: „Wird in 100 Jahren Revolution nötig sein? Wird auch in 1000 Jahren Revolution notwendig sein? Revolution ist immer notwendig; kleine Beamte, Studenten, Arbeiter, Bauern und Soldaten wollen nicht von großen Tieren unterdrückt werden. Darum wollen sie die Revolution. Sollten in 10.000 Jahren keine Widersprüche mehr zu sehen sein? Wieso nicht? Immer noch werden welche zu sehen sein.“ (Fussnote: Peking-Rundschau 21/1976, S. 10.)

Proletariat und Bourgeoisie

Während die Konterrevolution zwischen 1989 und 1992 nach und nach die DDR, die osteuropäischen Länder überrollte und schließlich mit der Liquidierung der Sowjetunion vorläufig triumphierte, hatten die chinesischen Kommunisten 1989 die Kraft, mit den konterrevolutionären Umtrieben fertig zu werden. Dabei hatte Gorbatschow, der Vollender Chruschtschows, als Handelsreisender in Sachen Untergrabung des Sozialismus, auch 1989 bei seinem Besuch in der VR China die Absicht sein Zerstörungswerk fortzusetzen: „Ich wollte zu den Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens sprechen und ihnen sagen, dass sie durchhalten sollen, dass wir mit ihnen sympathisieren und dass es auch in China Perestroika geben muss. Die chinesische Führung wünschte das nicht. Das war ein unermesslicher Schaden.“ (Fussnote: Dialog Prag Nr. 146, Oktober 1999, Zitat aus einem Vortrag Gorbatschows gehalten an der amerikanischen Universität in Ankara. Und im Spiegel Nr. 7/1993 zu seiner Rolle bei der Einverleibung der DDR: „Wenn Sie meine Aussagen nehmen, dann wird Ihnen klar, dass meine politischen Sympathien der Sozialdemokratie gehören und der Idee von einem Sozialstaat nach der Art der Bundesrepublik Deutschland.“)

Für das Verständnis dieser Entwicklung hatte Mao Zedong in der Schrift „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“ entscheidende Hinweise gegeben:

Um die beiden verschiedenen Arten von Widersprüchen richtig zu verstehen, muss man sich vor allen Dingen darüber klar werden, was unter ,Volk’ und was unter ,Feind’ zu verstehen ist ... In der gegenwärtigen Etappe, in der Periode des Aufbaus des Sozialismus, gehören zum Volk alle Klassen, Schichten, gesellschaftlichen Gruppen, die den Aufbau des Sozialismus billigen, unterstützen und dafür arbeiten; dagegen sind alle gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen, die sich der sozialistischen Revolution widersetzen, die dem Aufbau des Sozialismus feindlich gesinnt sind und ihn zu untergraben versuchen, Feinde des Volkes. (Fussnote: Mao Zedong, Fünf Philosophische Monographien, Verlag für fremdsprachige Literatur Peking 1976, S. 90 f, Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke)...

In unserem Land gehört der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie zu den Widersprüchen im Volk. Der Klassenkampf zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie gehört im allgemeinen zum Klassenkampf innerhalb des Volkes, da der Charakter der nationalen Bourgeoisie in unsrem Land zwiespältig ist. In der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution war die nationale Bourgeoisie einerseits revolutionär und andererseits zu Kompromissen geneigt. In der Periode der sozialistischen Revolution beutet sie einerseits die Arbeiterklasse des Profits wegen aus, aber gleichzeitig unterstützt sie die Verfassung und ist bereit, die sozialistische Umgestaltung zu akzeptieren. Die nationale Bourgeoisie unterscheidet sich von den Imperialisten, der Grundherrenklasse und der bürokratischen Bourgeoisie (welche vor 1949 mit den Imperialisten paktierte und deren ideologische Nachfolger 1989 Teil der Konterrevolution waren – der Verf.). Der Widerspruch zwischen der nationalen Bourgeoisie und der Arbeiterklasse, ein Widerspruch zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, ist an und für sich antagonistisch. Aber unter den konkreten Bedingungen unseres Landes kann dieser antagonistische Klassenwiderspruch, wenn er richtig behandelt wird, in einen nichtantagonistischen umgewandelt und auf friedlichem Wege gelöst werden. Wenn wir ihn jedoch nicht richtig behandeln und uns gegenüber der nationalen Bourgeoisie nicht der Politik des Zusammenschlusses, der Kritik und der Erziehung bedienen, oder wenn die nationale Bourgeoisie diese Politik nicht akzeptiert, kann sich der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der nationalen Bourgeoisie in einen Widerspruch zwischen uns und dem Feind verwandeln.“ (Fussnote: Ebenda, S. 92.)

In der Großen Proletarischen Kulturrevolution wurde in der praktischen Anwendung deutlich, wie diese Auseinandersetzungen geführt werden können. Die lange Prüfung, ob eine andere Ansicht einen Widerspruch „im Volk“ (nicht-antagonis­tisch) oder einen Widerspruch „zwischen uns und dem Feind“ (antagonistisch) darstellt. Die damit verbundene Frage, wie mit dem anderen, der diese Ansicht vertritt, umzugehen ist, ob die Methode der geduldigen Überzeugung oder die Methode des Zwangs im Vordergrund steht.

Will man die Kämpfe während der Kulturrevolution richtig erfassen, darf man ihr nicht einfach das Korsett „gesicherter“ Ergebnisse eines Reifungsprozesses objektiver Bedingungen überstülpen – was eh nur im Nachhinein möglich ist, da ist man bekanntlich immer klüger. Was zu erkennen und einzuschätzen war, das war der Klassencharakter der jugendlichen „Unzufriedenheit“, die gegen die Bourgeoisie gerichtet war (daher Maos Ausspruch: Rebellion ist berechtigt!). Gleichzeitig erkannte nicht nur er allein, dass eine Bewegung einsetzte, die vom bürgerlichen Denken nicht frei sein konnte – aber diese Befreiung im doppelten Sinne des Wortes anstrebte: Befreiung von den auferlegten bürgerlichen Schranken in Theorie und Praxis durch Kampf gegen die Bourgeoisie selbst. Dabei wurden alle linken wie rechten Abweichungen aufgewühlt, nach oben befördert und für jeden sichtbar. Als Revolution in der Revolution konnte sie aber erst durch die vom ZK der KP China herausgegebenen Aufrufe ihre wahrhaft revolutionäre Gestalt annehmen – als Kampf zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Linie. (Fussnote: Hier sind vor allem zu nennen der Beschluß des ZK derKPCh vom 8. August 11966 und das Kommuniquè der IX. Plenartagungdes ZK vom 12. August 1966.) Und das imperialistische Lager vermied alle offenen Ein- und Zugriffe, weil niemand zu diesem Zeitpunkt einschätzen konnte/wollte, welche Lawine damit losgetreten würde. Vor allem musste man eine allgemeine Verschärfung der Klassenkämpfe fürchten: d. h. eine mögliche Veränderung der Haltung der KPdSU gegenüber dem Revisionismus in deren eigenen Reihen, die große internationale Sympathie nicht nur in den vom Imperialismus unterdrückten Ländern, verstärkter Widerstand gegen die Expansionsgelüste des imperialistischen Lagers usw.

Die Lehre Mao Tse-tungs, Schlechtes wandle sich in Gutes, Positives besteht Proben auf negative Exempel, Verfehlung von Personen kläre Fehler im Sozialen, lernt man allein bei Mao Tse-tung“, schrieb Joachim Schickel 1977 angesichts der Entwicklung nach Maos Tod. (Fussnote: Joachim Schickel, Im Schatten Mao Tse-tungs, Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt 1982, S. 31.)

Exemplarisch für diese Einschätzung ist Maos Verhalten selbst gegenüber Deng Xiaoping, den er als Exponenten einer Strömung innerhalb der Partei sah, die im Klassenkampf Widersprüche falsch behandelte und dabei „den bürgerlichen Weg beschritt“, die es bei revolutionären Sprüngen ebenso zu bekämpfen galt (Proletariat oder Bourgeoisie) wie sie in der evolutionären Phase der Revolution ein nützlicher Verbündeter sein konnte (Proletariat und Bourgeoisie). Und die es umzuerziehen galt.

Deng Xiaoping, der nach der Kulturrevolution weitere zwanzig Jahre maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der VR China haben sollte, repräsentierte offenbar im Verhältnis zur proletarischen Linie eine abweichende Linie, die „nur“ einen Widerspruch im Volk darstellte. Wenn um die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse gekämpft wurde, wenn der Klassenkampf vorangetrieben wurde, repräsentierte Deng das notwendige UND. ... und Produktivkräfte entwi­ckeln, und Produktion steigern. (Fussnote: Siehe dazu: Richard Corell, Die Große Proletarische Kulturrevolution – Chinas Kampf um den Sozialismus, Zambon Verlag Frankfurt 2009, S. 231 ff, Abschnitt XI – Lehren der Großen Proletarischen Kulturrevolution.)

Nur Deng bestimmend ab 1978 – nun im Gegensatz zur proletarischen Linie – hieß wiederum: nur noch Produktion steigern, nur noch Technologie, ohne Klassenkompass. Dann bekommt der „schwarze Wind“ die Überhand: Liebedienern vor den US-Imperialisten, Vietnam überfallen, dann bleibt nur der Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht.

Andererseits Deng 1979 – angesichts einer enthemmten Konterrevolution – entscheidend daran beteiligt, die Politik der Reformen und der Öffnung nach außen durch die Formulierung der 4 Grundprinzipien abzusichern:

Erstens: Festhalten am sozialistischen Weg, d.h. vor allem: das sozialistische Gemeineigentum an Produktionsmitteln (insbesondere Grund und Boden, die strategischen Wirtschaftsbereiche) ist die Grundlage des sozialistischen Wirtschaftssystems – obwohl auch Privateigentum an Produktionsmitteln zugelassen ist und gefördert wird. Dazu wird ausdrücklich betont, dass es hier um die Anfangsphase des Sozialismus geht, dass das Privateigentum eine aktive Rolle nur unter der Bedingung der dominierenden Rolle des Gemeineigentums spielen kann;

Zweitens: Festhalten an der Diktatur des Proletariats in ihrer chinesischen Form, der demokratischen Diktatur des Volkes (d. h.: sozialistischer Staat, sozialistische Ordnung, kein „libertärer Sozialismus“, keine Verunglimpfung als „Staatssozialismus“, als „Etatismus“, als „Staatsfixiertheit“ des Sozialismus);

Drittens: Festhalten an der führenden Rolle der KP Chinas, kein bürgerliches Mehrparteiensystem;

Viertens: Festhalten am Marxismus-Leninismus, den Ideen Mao Zedongs als Leitideologie. (Fussnote: Zitiert aus: Rolf Berthold, Theoretische Diskussionen und Praxis der KP Chinas auf dem sozialistischen Weg, S. 8, Beitrag zur Konferenz „Marxismus für das 21. Jahrhundert“ in Berlin am 21. April 2007.)

Der seine Entwicklungsprojekte „von Unten“ vorantreiben ließ. Der dem Klassenkampf nicht aus dem Weg geht und Gorbatschow und seine Anhängerschaft in China 1989 in die Schranken wies. Der es aber nicht versteht, „den Klassenkampf anzupa­cken“ (Mao 1967), d. h. Widersprüche in ihrer Entstehungsphase nicht erkennt, sondern erst bei ihrer äußersten Zuspitzung schließlich die administrative Lösung fordert/stützt – statt Mobilisierung der Massen Mobilisierung der Armee.

Derselbe Deng Xiaoping, der die Entwicklung des Klassenbewusstseins der Entwicklung der Produktivkräfte nachordnet, erklärte Anfang der 90er Jahre allerdings: „Nur wenn der Sozialismus in China nicht fällt, wird der Sozialismus in der Welt künftig bestehen. ... Wenn Mitte des nächsten (des 21.) Jahrhunderts China wirklich entwickelt ist, dann hat es nicht nur der Dritten Welt mit drei Vierteln der Weltbevölkerung einen Weg geöffnet; was noch wichtiger ist, es hat der Menschheit aufgezeigt, dass der Sozialismus der einzig gangbare Weg ist, dass der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist.“ (Fussnote: Zitiert aus: Rolf Berthold, Theoretische Diskussionen und Praxis der KP Chinas auf dem sozialistischen Weg, S. 10, Beitrag zur Konferenz „Marxismus für das 21. Jahrhundert“ in Berlin am 21. April 2007.)

Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass nach den Ereignissen von 1989 bis 1992 sich alle sozialistischen Länder in einer höchst komplizierten Lage befanden. Insbesondere die VR China, die das internationale Monopolkapital in den Wirtschaftssonderzonen unmittelbar vor der Haustüre hatte, die Kapitalismus zulässt, um eine evolutionäre Entwicklung in Gang zu halten oder sogar zu beschleunigen, damit revolutionäre Sprünge wieder im Bereich des Möglichen liegen.

Festhalten am Klassenkampf gegen die imperialistische Meute, das hieß nichts anderes, als das Verhältnis zur eigenen Bourgeoisie ebenso sorgfältig zu bestimmen wie zu den Kräften, die zur Abschwächung von Widersprüchen den bekannten „bürgerlichen Weg“ beschreiten wollen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Der ggf. erforderliche geordnete Rückzug, von den Kubanischen Genossen oft genug vorbildlich praktiziert, wie wird er bestimmt und den Massen vermittelt? Wie viele Schritte zurück müssen getan werden, um wieder einen entscheidenden großen Schritt nach vorne machen zu können?

Unsere Position: Sozialismus oder Barbarei – Hände weg von China – Der Hauptfeind steht im eigenen Land

In dem Buch „Die Große Proletarische Kulturrevolution – Chinas Kampf um Sozialismus“ schrieben wir: Wir denken, dass der moderne Revisionismus, ausgehend von den Verkürzungen, den Verdrehungen, dem Weglassen und dem Vergessen revolutionärer Grundsätze durch Chruschtschow und seiner Vollendung durch Gorbatschow, tatsächlich die sozialistische „Burg von innen sturmreif gemacht“ hat. Wir gehen außerdem davon aus, dass die Große Proletarische Kulturrevolution der Versuch der chinesischen Genossen war, dem Revisionismus und den mit ihm einhergehenden Restaurationsversuchen des Kapitalismus, Einhalt zu gebieten und zwar umfassend, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: Kultur, Politik und Ökonomie. Die Kulturrevolution war der kühne Versuch, im großen gesellschaftlichen Kontext und im Massenumfang (vor allem: mit den und durch die Massen) um das Ziel – die klassenlose Gesellschaft – zu streiten, zu diskutieren und zu kämpfen. Es war den chinesischen Genossen dabei bewusst, dass am Ende der Kulturrevolution nicht der Kommunismus steht, sondern der lang andauernde Kampf weiter zu führen ist, Schritt um Schritt vorwärts, aber auch in Sprüngen und neuen Kulturrevolutionen. Die VR China geht allen Unkenrufen zum Trotz immer noch auf dem Weg des Sozialismus – wir denken jedoch: auch im sozialistischen China ist die Frage „wer – wen?“ noch nicht entschieden. Dass es China heute noch gibt, dass seine Eigentumsformen größtenteils sozialistisch sind, dass sich die KP China u. a. noch auf den Marxismus-Leninismus und das Mao Zedong-Denken bezieht, all das hat auch u. E. damit zu tun, dass es in China die Große Proletarische Kulturrevolution gab. Für diejenigen, die dafür kämpfen „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, ist und bleibt die chinesische Kulturrevolution ein leuchtender Bezugspunkt. (Fussnote: Ebenda, S. 177, Kritik und Wirkung der Großen Proletarischen Kulturrevolution in China 1966 - 1976.)

Was Lenin stets getan hatte: den Massen Klarheit über den Ernst der Lage zu verschaffen und ihre Hilfe, ihr Eingreifen einzufordern – das entwickelt Mao Zedong zu einem festen Bestandteil im Denken der chinesischen Revolutionäre: Aus den Massen schöpfen, in die Massen tragen. (Fussnote: Ebenda, S. 233, Abschnitt „Die Massen selber“)

Der chinesische „Ritt auf dem kapitalistischen Tiger“ ist ein äußerst widersprüchlicher Prozess, bei dem die Kommunisten abgeworfen und die Anfänge des Sozialismus „gefressen“ werden können. Ob die kapitalistischen Entwicklungselemente wieder zurückgedämmt werden können, wenn sie ihre erhoffte Funktion für die wirtschaftliche Entwicklung erfüllt haben, oder ob sie zu einer kapitalistischen Eigentums- und Gesellschaftsordnung und der politischen Herrschaft der Bourgeoisie zurückführen werden, ist offen – weil in dieser Deutlichkeit noch nicht erkennbar.

Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Einerseits müssen wir Wege finden, dem Imperialismus insgesamt und dem deutschen „Menschenrechts“-Imperialismus im Besonderen in den Arm zu fallen. Am Anfang steht dabei die konsequente Fragestellung nach den Widersprüchen im Volk und denen zwischen uns und dem Feind. Also die Frage, welchen Charakter unsere Widersprüche zur Arbeiteraristokratie und ihren sozialdemokratischen Repräsentanten, zum Kleinbürgertum und seinen „grünen“ und „gelben“ Repräsentanten haben. Um wieder eine Grundlage zu schaffen, eine Politik zu machen im Interesse des Proletariats und seiner möglichen Verbündeten – also den kommunistischen Standpunkt wieder aufzurichten. Anstatt die so weit verbreitete Zeigefinger-Pädagogik endlos weiterzuführen und sich in moralischen Appellen zu erschöpfen.

Andererseits dürfen wir nicht erneut in den Fehler verfallen – wie Teile der revolutionären Linken die Diskussion über die Sowjetunion bis zur völligen politischen Demobilisierung der Bewegung in Theorie und Praxis „voranzutreiben“ – die VR China einfach abzuschreiben. Oder mit der falschen Fragestellung „Ist China noch sozialistisch?“ die widersprüchliche Entwicklung auf eine bloße Momentaufnahme zu reduzieren. Anstatt zu fragen: Wie entwickelt sich der Klassenkampf? Worin bestehen die Widersprüche, wie verhalten sie sich zueinander und wie können sie gelöst werden? Ist doch diese Herangehensweise – auch wenn immer wieder lautstark und wortradikal das Gegenteil behauptet wird – im Ergebnis nichts weiter als die faktische Leugnung des Klassenkampfes selbst und damit eine Begünstigung seiner von der deutschen wie der internationalen Monopolbourgeoisie herbeigesehnten Liquidierung.

Damit nicht nur bei uns eine Entwicklung wieder möglich wird, die Karl Marx am Beispiel der Klassenkämpfe in Frankreich einmal so gekennzeichnet hat: „Während so die Utopie, der doktrinäre Sozialismus, der die Gesamtbewegung einem ihrer Momente unterordnet, der an die Stelle der gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktion die Hirntätigkeit des einzelnen Pedanten setzt und vor allem den revolutionären Kampf der Klassen mit seinen Notwendigkeiten durch kleine Kunststücke oder große Sentimentalitäten wegphantasiert, während dieser doktrinäre Sozialismus, der im Grunde nur die jetzige Gesellschaft idealisiert, ein schattenloses Bild von ihr aufnimmt und sein Ideal gegen ihre Wirklichkeit durchsetzen will, während dieser Sozialismus von dem Proletariat an das Kleinbürgertum abgetreten wird, während der Kampf der verschiedenen Sozialistenchefs unter sich selbst jedes der sogenannten Systeme als anspruchsvolle Festhaltung des einen der Durchgangspunkte der sozialen Umwälzung gegen den anderen herausstellt – gruppiert sich das Proletariat immer mehr um den revolutionären Sozialismus, um den Kommunismus ... Dieser Sozialismus ist die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt, zur Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung sämtlicher gesellschaftlichen Beziehungen, die diesen Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.“ (Fussnote: MEW Bd. 7, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, S. 89, III – Folgen des 13. Juni 1849.)

KAZ Fraktion Ausrichtung Kommunismus, Karlchen

Die Große Proletarische Kulturrevolution ist gelebte Dialektik. – Revolution und Produktion. – Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. – Sein und Bewusstsein. – Proletariat oder Bourgeoisie.

Und auch: Proletariat und Bourgeoisie. Denn auch diese beiden Pole des Klassenwiderspruchs gehören unauflöslich zueinander, bis es dem Proletariat im Kampf gegen die Bourgeoisie gelingt, solche Verhältnisse zu schaffen, die die Existenz von Klassen generell überflüssig machen.

Das Buch ist zu beziehen über den Buchhandel oder direkt beim Zambon Verlag & Vertrieb, Leipziger Str. 24, 60487 Frankfurt,

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Mao Zedongs internationalistische Haltung im
Zweiten Weltkrieg

Am 23. Juni 1941, einen Tag nach dem Überfall des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion, erklärte er: „Dieser verbrecherische, treubrüchige Aggressionsakt ist nicht nur gegen die Sowjetunion, sondern auch gegen die Freiheit und Unabhängigkeit aller Nationen gerichtet. Der heilige Widerstandskrieg der Sowjetunion gegen die faschistische Aggression dient nicht nur ihrer eigenen Verteidigung, sondern auch der Verteidigung aller Nationen, die den Befreiungskampf gegen die faschistische Unterjochung führen.“ Für seine Partei, die Kommunistische Partei Chinas … formulierte er folgende drei Aufgaben: „1. An der antijapanischen nationalen Einheitsfront festzuhalten, auf der Zusammenarbeit zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei zu beharren, die japanischen Imperialisten aus China zu verjagen und damit der Sowjetunion Beistand zu leisten; 2. jede antisowjetische und antikommunistische Tätigkeit der reaktionären Elemente in den Reihen der Großbourgeoisie entschieden zu bekämpfen; 3. auf dem außenpolitischen Gebiet sich zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind mit all jenen in England, in den USA und in anderen Ländern zusammenzuschließen, die gegen die faschistischen Machthaber Deutschlands, Italiens und Japans auftreten.“

... Die von Mao geführte Gongchandang (KP China) rief Jiang Jieshi (Tschiang Kaischek) und die Guomindang im Juli 1937 zur Einheitsfront gegen Japan auf, und dieser Ruf hatte eine solche Kraft, dass Jiang Jieshi im November/Dezember 1937 einem groß angelegten japanischen Friedensangebot nicht Folge zu leisten vermochte. Bei einer Annahme der japanischen Forderungen, so schätzte der deutsche Botschafter Trautmann damals ein, wäre „die chinesische Regierung von der öffentlichen Meinung hinweggefegt“ worden. Deutschland selbst hatte sich bei der chinesischen Regierung als „Briefträger“ für die japanischen Forderungen, die auf nichts anderes als auf einen blutigen Raubfrieden hinausliefen, stark gemacht. Mit einem klaren Eigeninteresse: Man hoffte ja auf ein starkes, durch einen Krieg in China möglichst wenig geschwächtes Japan, das später die Kraft haben würde, die Sowjetunion vom Osten her anzugreifen. Die Politik und die Aktionen Maos und der Gongchandang waren wesentlich dafür, dass Japan nicht zum erhofften Raubfrieden kam und durch den chinesischen Widerstand gebunden blieb. Mao und seine Partei vollbrachten, indem sie diese und auch spätere Friedensofferten der Japaner zurückwiesen, eine gewaltige Leistung. Denn Jiang Jieshis oberste Priorität war der Kampf gegen die Gongchandang geblieben, sein Widerstand gegen Japan nur, wie der japanische Historiker Saburo Ienaga bezeugt, „wenig mehr als eine Konzession an den wachsenden Nationalismus der chinesischen Massen“. Er war nicht willens, seine Hauptkräfte gegen Japan zu senden, „wollte Frieden mit Tokio machen und zurückkehren zur Ausrottung der Roten“. Man stelle sich – gerade hier in Deutschland – für einen Augenblick vor, die Sowjetunion wäre, wie es von der faschistischen Führung kalkuliert worden war, in einen Zweifrontenkrieg geraten. Mao Zedong … hat seinen Anteil daran, dass es dazu nicht kam.

(Quelle: Das Blättchen – In der Tradition der Weltbühne Nummer 11/31. Mai 2011,

Auszug aus: Wolfram Adolphi – Zur Bedeutung Mao Zedongs für das heutige China)